Kate­go­rien

Zu viel Coaching, das gar nichts bringt? Replik auf „wir coachen uns zu Tode“

Published On: 8. August 2014Cate­go­ries: Aktuell

Coachen wir uns zu Tode? Werden nur Berater beraten? Eine kleine Kolumne in der WELT wirbelt im Netz gerade mächtig. Ich hab den Text zufällig gefunden, gelacht und unbe­darft bei Face­book einge­stellt. Gleich ging die Kritik los: das sei doch wohl nicht lustig. Ich lese noch mal, denke „ist das so böse?“ — und verstehe, dass man geteilter Meinung sein kann. Für mich war´s wie ein guter Comic, nicht tief­sinnig. Über­zeichnet und nicht sauber getrennt zwischen den Diszi­plinen Coach, Berater, Trainer, aber da sehe ich drüber hinweg. Für andere ist es eine unqua­li­fi­zierte, ärger­liche Attacke. Geteilt wurde der Beitrag trotzdem bisher über 2000x bei Face­book.… Aber ich sitze auch im Glas­haus. Deshalb mal zum Ernst und Kern der Sache.

Consultation with psychologistBeim Lesen denkt man: Ja, kenne ich. Das mit den Frauen, die “Coach” sind oder sein wollen und „Partner zahlt“. Das ist kein Klischee, ich habe das oft aus nächster Nähe betrachtet.  Wenn ich mich mit erfah­renen Kollegen unter­halte, so  wissen diese auch sofort, wovon die Rede ist. Die Frauen, die sagen „ich will kein Geld“ und die die ernst­haft meinen „40 EUR pro Stunde reicht mir“ (weil das Fami­li­en­ein­kommen sicher­ge­stellt sind und sie nicht so viel verdienen müssten).

Denen gegen­über sind wir, die von Bera­tung oder Coaching leben, schon etwas hoch­näsig. Und wenn wir dann noch sehen, dass schwarz kassiert wird und die Profes­sio­na­lität auch sonst auf Sand­kas­ten­ni­veau ist, fangen wir uns an fremd­zu­schämen. Wenn wir erfahren, dass Sekre­tä­rinnen Coach werden, die noch “ganz Mädchen” sind und denen Stan­ding und Souve­rä­nität fehlt, ja, da rümpft man entweder die Nase, rauft sich die Haare oder fängt an zu heulen. Oder flüchtet wie ich — von Veran­stal­tungen (ich gehe nicht mehr mit Namens­eti­kett los), auf denen mir lauter Coachs ihre Visi­ten­karten zuste­cken, die alle.… Hilfe (!), Bücher schreiben wollen.

„Bitte schreiben Sie bloß nicht Coach“, briefe ich bei Inter­views meine Gesprächs­part­ner­manchmal. Machen die trotzdem. Auch das Buch­schreiben ist mir schon pein­lich geworden, was da publi­ziert wird, ist eben oft auch zum Fremd­schämen.

Dass vor allem Männer in dem Gewerbe erfolg­reich im Sinne von umsatz­stark sind, wie Glau­bitz schreibt, ist mir ebenso wenig neu. Und dass die Coachin­gaus­­bilder-Branche lange Zeit gut an den Träumen poten­zi­eller Coachs verdient hat – weit­läufig bekannt. Mir scheinen die Ausbilder gerade umzu­denken und daran zu arbeiten, die Führungs­kraft als Coach zu defi­nieren. Man muss ja sehen, wie man seine Bröt­chen verdient…

Nach diesen grund­sätz­li­chen Gedanken möchte ich mir die Thesen stück­weise vornehmen. Obwohl Uta Glau­bitz, Coachs, Berater und Trainer in einen Topf wirft, beziehe ich mich im Folgenden auf Coachs und meine die, die in den letzten Jahren eine Coachingaus­bil­dung absol­viert haben, mit dem Ziel, sich mit Coaching selbst­ständig zu machen. Der von ihr zitierte Jürgen Höller ist in diesem Sinn ganz sicher kein Coach. Und Trai­ning ist auch was ganz anderes als Coaching. Deshalb sei das hier mal ausge­klam­mert.

Stimmt die Studie der Stif­tung Waren­test?

Oh Gott, was bilden die sich ein: Sie wollen Abhilfe schaffen mit ihrem Leit­faden, da der Beruf Coach ja nicht geschützt sei. Testet Kosmetik und Fahr­räder, aber versucht es nicht mit komplexen Dienst­leis­tungen, das kann nur in die Hose gehen! Zumal: Coach ist kein Beruf und was Coaching ist wird nach wie vor sehr unter­schied­lich inter­pre­tiert. Mit Studien ist es wie immer: Sie werden gemacht und gestützt von jemand, der an der “Erfor­schung” und bestimmten Ergeb­nissen ein essen­ti­elles Inter­esse hat. Zu nennen wären Coaching­ver­bände. Und alle die, die Weiter­bil­dungen anbieten. Diese Verbände bestehen nicht, weil irgend­je­mand sie aus Nächs­ten­liebe gegründet hat.

Beraten Berater vor allem sich selbst?

Am Anfang oft, ja. Denn Kunden gewinnt man nicht, indem man “Busi­ness Coaching” anbietet, oder gar “syste­mi­sches Coaching” — also berät man erst einmal unter­ein­ander. „Das sagt einem ja keiner“, erzählt mir eine Kollegin mit Coachingaus­bil­dung, die erkennen musste, dass es nicht möglich ist, mit „Busi­ness Coaching“ – und noch weniger mit „Life Coaching“ – eine Exis­tenz aufzu­bauen, die keine Kümmer­exis­tenz ist. Die Ausbilder haben ein Inter­esse, das Thema Selbst­stän­dig­keit und Wirt­schaft­lich­keit auszu­klam­mern. Das ist der wahre Kern dieser These. Wenn Sie mich fragen, also als Bera­terin: Ich berate auch Berater. Unter­neh­mens­be­rater, SAP-Berater etc. Wir leben in einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft. Da ist Bera­tung nun mal ein riesiges Feld. Aber Glau­bitz meinte das anders. In ihrem Sinn stimmt die Aussage für Neucoachs durchaus.

Gibt es keinen Beweis für Erfolg von Coaching?

Danke, Nico Rose, es gibt neuere Studien und Meta­ana­lysen, siehe hier. Aller­dings wird gesagt, dass solche Studien oft von Prak­ti­kern kämen, und das macht es schwer mit der Wissen­schaft­lich­keit. Im Artikel wird nach denen gibt es keinen Beleg. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, Erfolge oder Wirk­sam­keit messbar zu machen, denn dafür müsste man ja defi­nieren, was ein Erfolg ist und was Wirk­sam­keit. Mitunter ist aber auch keine Verän­de­rung wirksam. Oder das Coaching hat etwas ausge­löst, was sich auch so ergeben hätte.

Evalu­ieren lässt sich, ob ein Coaching jemand “gefallen” oder “gefühlt genutzt” hat, aber nie wird man erfahren, ob es ohne Coaching nicht besser geworden wäre. Viel­leicht hätte man sich ohne Coaching-Inter­­ven­­tion von der Firma getrennt und umge­kehrt, dort super Chancen bekommen. Das ist bei Themen wie Outpla­ce­ment und Bewer­bungs­stra­tegie übri­gens anders, das kann man controllen. Ist aber auch kein Coaching.

Deutet es auf Profes­sio­na­lität, wenn jemand länger am Markt ist?

Sicher ja. Niemand hält sich 10, 15, 20 Jahre, wenn er keinen Mehr­wert bietet. Das heißt nicht, dass alte Hasen besser und neue schlechter sein müssen. Doch die Fähig­keit, sich mehr als drei, besser fünf Jahre zu halten (gesetzt der Fall, es gibt keinen Ehepartner, der durch­füt­tert), sagt etwas aus. Und die Vita davor: Hat dieser Coach schon mal richtig gear­beitet? So ange­stellt mit allem drum und dran? Wenn nicht, wäre ich persön­lich immer miss­trau­isch, wobei in bestimmten Berei­chen Arbeits­er­fah­rung nicht notwendig ist (etwa im thera­pie­nahen Bereich). Im Karrie­re­coa­ching aber auf jeden Fall.

Ich rate grund­sätz­lich, sich nur Dienst­leister zu suchen, die mindes­tens drei Jahre “geschafft” haben, bei Coachs erhöhe ich auf fünf. Aus der einfa­chen Erfah­rung: Die meisten sind nach zwei bis drei Jahren wieder vom Markt, mit größeren Abfin­dungen kann man es auch länger mehr schlecht als recht schaffen. Bei Dienst­leis­tern mit mehr als 5 Jahren im Geschäft kann man mit profes­sio­neller Auftrags­klä­rung, Rech­nung­s­tel­lung und gene­rell einer erprobten, da im Laufe der Zeit opti­mierten Vorge­hens­weise rechnen.Bei Neulingen (und oft auch Neben­be­ruf­lern) muss man immer wieder damit rechnen, das sie plötz­lich abtau­chen, Termine verschwitzen, nicht halten, was sie verspre­chen etc. Das gilt für Grafiker, Webde­si­gner, Texter und im Grunde jeden, der etwas auf dem freien Markt anbietet.

Haben es viele Coachs nicht weit gebracht?

Viele Coachs hätten es zuvor nicht weit gebracht, behauptet der Artikel. Das ist jetzt eine der heikelsten Aussagen. Was ist weit gebracht? Ich würde das anders ausdrü­cken. Viele Coachs sind nicht reif. Sie sind unsi­cher und noch mitten in der eigenen Persön­lich­keits­ent­wick­lung. Und sie haben nicht ausrei­chend spezi­fi­sche Berufs­er­fah­rung und Netz­werke. Das gilt weniger für Männer, die meist starten erst, wenn sie auf genü­gend gute Kontakte zurück­greifen können und gene­rell größer denken (das fängt damit an, dass sie selbst­ver­ständ­lich erst mal auf Trai­ning und Firmen­kunden setzen).

Warum ist das so? Meine These: Frauen gründen öfter aus einem Bindungs­motiv denn aus dem Motiv Macht und/oder Leis­tung. Das heißt, Frauen moti­viert es, wenn sie anderen helfen können und jemand sagt, das hat ihm/ihr gut getan. Nur reicht das eben nicht für unter­neh­me­ri­schen Erfolg. Dazu verweise ich auf meinen Artikel über die Gründe des Miss­erfolgs von Grün­dung.

Über mich

SBereits seit 1998 schreibe ich Karrie­re­rat­geber, seit dem Jahr 2000 betreibe ich “Karriere & Entwick­lung” für Outpla­ce­ment und Karrie­re­coa­ching. 2004 grün­dete ich meinen ersten Online-Shop, aus dem 2012 Kexpa wurde, 2011 mein Portal Karriereexperten.com. In diesem Jahr kam die Karrie­re­ex­per­ten­aka­demie dazu: verschie­dene Weiter­bil­dungen zur Profes­sio­na­li­sie­rung der Methoden und Vorge­hens­weisen im Karrie­re­coa­ching.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Nico Rose 8. August 2014 at 15:00 — Reply

    Es gibt mitt­ler­weile Meta-Analysen zur Wirk­sam­keit von Coaching, das heißt, aggre­gierte Auswer­tungen über viele Studien hinweg. Die zeichnen ein durchaus posi­tives Bild, das ist nur noch nicht auf Wiki­pedia ange­kommen, z.B.:
    http://bit.ly/1kO2hfx

    • Svenja Hofert 8. August 2014 at 21:14 — Reply

      super, danke für den Hinweis. Habe es einge­baut und Sie exklusiv erwähnt. Anschei­nend gibt es auch ein Forschungs­vor­haben in Öster­reich, LG Svenja Hofert

  2. Silke Loers 11. August 2014 at 10:04 — Reply

    Es gibt sie die Coachingaus­bil­dungen, die darauf aufmerksam machen, dass man nicht NUR vom Coaching leben kann. Ich hab es erlebt. Wir haben explizit über Marke­ting, Preise und Lebens­un­ter­halt gespro­chen. Das war für den einen oder anderen sehr desil­lu­sio­nie­rend aber hilf­reich, da wir ja auch mit Idea­lismus in die Ausbil­dung gegangen sind.
    Ein wich­tiges Zulas­sungs­kri­te­rium war auch, dass man als Führungs­kraft gear­beitet hat und eine gewisse Alters­un­ter­grenze, was ich eben­falls für sinn­voll halte. Coach hat doch ganz viel mit Lebens‑, Berufs- und Eigen­erfah­rung zu tun, um reflek­tie­rend unter­stützen zu können, das kann ein 25-jähriger einfach noch nicht haben.

    LG Silke

    • Svenja Hofert 11. August 2014 at 13:11 — Reply

      Ja, es gibt sie. Und hier trennt sich auch die Spreu vom Weizen. Zu beob­achten ist, dass die Qualität sinkt — First Mover sind meist inno­va­tiver und bemühter — und die First Mover-Welle ist lange vorbei. So ziehen derzeit Leute in die Ausbil­dung, die Kompro­misse sind, auch für die Ausbilder. Denn am Ende brau­chen sie Geld. Und nur die ganz, ganz Guten stellen Qualität darüber und riskieren, einen Lehr­gang lieber nicht voll zu kriegen.
      Wenn jemand 29jährige ohne akade­mi­schen Abschluss und Führungs­er­fah­rung aufnimmt, ist Miss­trauen ange­sagt. Wobei es auch die geben werden, die sagen: auch die Nicht­aka­de­miker brau­chen ihre Coachs und was ist Führung (so hat ein Projekt­leiter keine direkte Führungs­er­fah­rung, mitunter aber wert­volle Kompe­tenzen darin, Zusam­men­ar­beit zu orga­ni­sieren…) Zudem verliert das Studium derzeit auch massiv an Wert, weil immer mehr studieren. All das macht das Aufstellen von Krite­rien schwer. LG Svenja

  3. Sabine Dinkel 11. August 2014 at 17:51 — Reply

    Na, da bin ich ja froh, dass ich damals einen ganzen Ausbil­dungs­block zum Thema hatte. Mich hat das damals sehr frus­triert; ich weiß noch genau, wie unzu­frieden ich war, angeb­lich nicht vom Coaching allein leben zu können.

    Naja, und so kam damals auch die Perso­nal­be­ra­tung mit in mein Port­folio, was im ersten Jahr der Selbst­stän­dig­keit auch ganz hilf­reich war. Die ist inzwi­schen aber nicht mehr drin, was mich sehr freut. Nur noch im Namen (und der Relaunch ist für 2015 geplant).

    Ach so, den Bericht von Frau Glau­bitz fand ich einfach nur platt, doof und abfällig. Alles das, was ein Coach (meiner Meinung nach) nicht sein sollte. Ihre Bücher und Work­shops werden auch auf Amazon auch ganz gut zerpflückt…

    Aber die anschlie­ßende Ausein­an­der­set­zung damit finde ich hoch­span­nend. Also war er doch zu etwas gut ;o)

    LG Sabine

    • Svenja Hofert 11. August 2014 at 20:32 — Reply

      Hallo Sabine, danke für deine Ergän­zung. Ich würde das nicht ganz so sehen — man muss halt zuspitzen, bei einem braven Text wäre die Diskus­sion gar nicht entstanden 😉 LG Svenja

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