Kategorien
5 Thesen, warum Donald Trump der letzte Beweis dafür ist, dass Intelligenz überschätzt wird

Am Anfang habe ich mehr gehofft als geglaubt, Trump ziehe einfach nur eine große Show ab. Mein gedanklicher Rettungsanker war die Vorstellung, dass er alles aus Berechnung mache. Weil er die Menschen für manipulierbar hält. Womit er ja durchaus recht hätte, weil sie es sind. Mittlerweile denke ich, dass er nicht denkt.
Nach der Amtsübernahme würde er schon anfangen, klüger zu handeln, vermutete ich in der ersten Amtszeit. Nun scheint mir Wandel vom berechnend-dämlichen zum berechnend-klugen Handeln unwahrscheinlich. Trump wird für mich zum Beleg dafür, dass wir unsere Vorstellung von Intelligenz und beruflichem Erfolg überdenken sollten. Beides hängt laut etlicher Studien zusammen. Aber Wissenschaftler und Praktiker übersehen entscheidende Punkte.
Meine fünf Thesen über Intelligenz am Beispiel des Donald Trump:
Bitte beachtet, dass ich diesen Text in der ersten Amtszeit geschrieben hat. Es hat sich aber nichts Grundlegendes geändert. Eigentlich ist nur alles noch viel klarer.
1. Wichtiger als Intelligenz ist die Moralentwicklung
Trump ist im Sinne eines Intelligenztests nicht dumm. „Several articles have estimated his IQ at around 156, which would make him smarter than 99.98% of the population”, resümiert die Zeitung The Mirrow. Offenbar hat Trump zwar nie einen IQ-Test absolviert, aber die Autoren eines Artikels begründeten ihre Intelligenzschätzung mit seinem Diplom von der prestigereichen Wharton Business School der University of Pennsylvania. Dort lehrt Prof. Adam Grant, der – wenn Wharton das Kriterium ist — dann auch nicht dumm sein kann.
Grant hat unter anderem das Buch „Geben und Nehmen“ geschrieben. Er ist ein ausgewogener, in seiner Persönlichkeit entwickelter, selbstreflektierter Mensch. Wie Trump dürfte er narzisstische Tendenzen haben, denn die hat jeder, der die Öffentlichkeit sucht. Nur lebt er diese fruchtbarer für andere. Also nicht nur im Egoland. Wer da tiefer einsteigen will, möge meine Podcasts mit Mitja Back und Klaus Eidenschink hören.
Moralisches Denken und Handeln
Narzissmus erklärt also allein nicht, warum die gleiche Intelligenz sich mal destruktiv und mal produktiv auswirkt. Trump ist schwer vorstellbar als Professor und Grant kaum als Immobilienmogul — die unterschiedlichen Handlungsimpulse ähnlich intelligenter Leute sind offensichtlich von verschiedenen Motiven und Werten geleitet. Aber auch diese Erklärung reicht auch nicht. Sowohl Grant- als auch Trump dürften Macht- und Status-motiviert sein. Der Blick auf die Motive: Einbahnstraße.
Was ist es dann? Ich meine, es ist moralisches Denken und Handeln. Dieses ist offenbar unabhängig vom IQ, unabhängig von Narzissmus und unabhängig von der Motivstruktur. Kohlberg hat die Stufen der Moralentwicklung etabliert, als Modell der Reifung Erwachsener, das Jean Piagets kognitive Entwicklung auf der Ebene der Moral ergänzt. Keine Frage: In der Moralentwicklung ist Trump ganz unten und Grant weit oben. Auch die Ich-Entwicklung nach Loevinger gibt es fantastische Einsichten. Hier ist Trump auf einer frühen Stufe festgefroren: sehr großes Ego, sehr kleine Welt. Ja, es sollte bei politischen Führern umgekehrt sein: Große Welt, kleines Ego. Über die Ich-Entwicklung können Sie sich hier informieren.
2. Wer Zukunftsprobleme löst, braucht die Intelligenz der Vielen
Zweifellos treffen IQ-Tests eine gewisse Aussage über die Fähigkeit, abstrakte Probleme zu lösen. Aber viel mehr auch nicht. Es geht immer um Aufmerksamkeit: Wohin leite ich sie? Entscheiden nicht am Ende meine persönlichen Werte, welchem Thema ich mehr Aufmerksamkeit zolle und deshalb auch — welches ich mehr übe? Intelligenz macht jedenfalls nicht moralisch und auch nicht zukunftsschlau. Der Schlaue kann letztlich dumm sein.
Heutige Probleme brauchen innovative Ideen, sonst werden Probleme unterkomplex gelöst. Solche Ideen wachsen nicht in den Köpfen und werden auch nicht gedüngt vom IQ. Es sind Ideen, die aus Zusammenarbeit und Zusammenspiel entstehen. Man braucht viele Experten, die miteinander reden können.
Trump mag in einem IQ-Test gut abschneiden, aber sein Denken ist hochgradig unterkomplex.
3. Beruflicher Erfolg ist nicht gleich gesellschaftliches Wachstum
Mit Intelligenz wird beruflicher Erfolg vorhergesagt. Dieser berufliche Erfolg ist bei genauem Blick in vorhandene Studien extrinsischer Berufserfolg. Das unterschlagen Befürworter gerne, denn dafür müsste man die Studien im Detail lesen. Berater vereinfachen gern auf eine einzige Erkenntnis, und so wird „IQ sagt beruflichen Erfolg voraus“ zum Todschlagargument. Das Konstrukt selbst wird nicht hinterfragt.
Extrinsischer beruflicher Erfolg wird an Gehalt und Status gemessen. Wachstum ist in dieser Sicht NICHT persönliches Wachstum. Der intrinsische berufliche Erfolg dagegen bemisst sich an persönlicher Zufriedenheit. Und die steigt mit dem persönlichen Wachstum. Hier hat der IQ keinen Einfluss, dafür scheint Persönlichkeit und vor allem ein bestimmter emotionaler Stil ausschlaggebend zu sein. Es ist ein Stil, der eine hohe Bewusstheit beinhaltet, eine starke, produktive Selbstreflexion und Optimismus.
Hat da jemand seine Intelligenz am Ende nur genutzt, um seine Ego-Ziele zu erreichen? Was sagt uns das über das, was wir als Intelligenz bewerten?
4. Die Gesellschaft braucht für Veränderung kreativere Intelligenz als früher
Die Welt verändert sich. Was wir heute brauchen ist nicht mehr dasselbe wie gestern. Das betrifft auch die nötige Intelligenz. Es geht immer weniger nur um analytische Intelligenz, sondern mehr und mehr auch um soziale und praktische. Immer mehr Bereiche hängen von Kollaboration ab. KI fordert einen Kreativitätsboost, der nicht im Kopf von Einzelnen entsteht, sondern durch das Wissen der Vielen. So kann ein gemeinsames Ergebnis intelligenter sein als das, was jeder einzelne beizutragen vermag. Und selbst wenn wir nur auf den Einzelnen blicken: Eine leicht über dem Durchschnitt liegende Intelligenz geht einher mit der Wahrscheinlichkeit kreativer Leistungen. Oberhalb dieser Schwelle flacht der Zusammenhang stark ab oder verschwindet ganz. Es braucht nicht so viel Köpfchen.
5. Menschlichkeit und Verbindung sind die Schlüssel, damit Neues möglich wird
Wem nutzt Schlauheit? Im Falle von Trump: Bestenfalls ihm selbst, seiner Clique, dem engen Kreis. Doch was ist Schlauheit, versteckt und versenkt im Ego — letztendlich Banditentum. Menschlichkeit entsteht, wenn Menschen überindividuell denken und handeln, andere einbeziehen und etwas tun, dass sinnvoll und nützlich für andere ist. Nur im Miteinander kann Intelligenz wirken. Nur dort verändert sie die Welt zum Guten.
(überarbeitet 1–2026)
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.
Mir hilft da immer die Unterscheidung von Gunter Dueck in street-smart und book-smart. Trump ist street-smart: Er kommt mit jedem klar, wenn es seinen Zielen dient. Er agiert nach dem Wolfsrudel-Paradigma à la Laloux: “Ich will es, also nehme ich es mir.” Weitere Regeln gibt es für ihn nicht. Von Intelligenz keine Spur, das lässt sich schon aus seinem begrenzten Wortschatz herleiten (entspricht laut Linguisten dem eines Drittklässlers). Dieser Mix aus Dummheit und Narzissmus ist sehr gefährlich und ich hoffe nur, dass ihn jemand stoppt, bevor er uns alle in die Luft jagt.
Unser CEO von Tesla Motors heisst Elon Musk.….nicht Eron. Und es soll wohl “The Mirror” heissen. Aber eine sehr interessanter Blick auf 2 Typen, die in ganz verschiedenen Bereichen “Karriere” gemacht haben.
Die Frage wird aber sein, ob Trump überhaupt mit diesen Voraussetzungen die 100 Tage durchhält.
danke Frau Güntert, alles korrigiert, gut dass das Online immer Teamwork ist und DANKE!
“Klug, dämlich, richtig, falsch”. Ganz schön viel Ferndiagnose und Wertung! Aber welchen Konsens über Werte gibt es, oder wie finden wir ihn (wieder)? Die Polarisierung von Gesellschaften beschreiben wir ja auch gerne mit materiellen Werten und nicht mit den Worten — so etwas macht man nicht.
In unserer so vielschichtigen und facettenreichen Gesellschaft sind die Glaubensfragen auch nicht mehr das Monopol von 2 Religionen. Die Baukästen der Esoterik und Astrologie haben eine unüberschaubare Zahl von Erklärungsmodellen ermöglicht und durch den Weg- oder Ausfall der großen Wertelieferanten (Kirche, Politik, Gruppen, Eltern), die breite Erosion der Glaubwürdigkeit und das selektive Nutzen von Werten, durch diese vielen kleinen Tabubrüche ist als Konsens die Erfolgsgesellschaft übrig geblieben. Jeder hat seine eigenen Werte entwickelt und lebt sie. Wurde Herr Trump versehentlich gewählt, oder wurden nicht doch die Werte der Clintons abgewählt?
Wir haben keine Überinstanz mehr, die wir anrufen können, die uns sagt, wie es richtig ist. Daher ist Ihr letzter Absatz so wichtig:
„Diese Werte müssen wir überdenken – bei uns…“
Sie haben Recht, in bewerten stecken ja die Werte drin. Und die weiteren Ausführungen von Ihnen finde ich sehr gut sortiert. Mir gefällt vor allem der Begriff Wertelieferanten. Ich glaube aber nicht dass diese weggefallen sind, es sind nur andere geworden, und das macht es so diffus und so entsteht vielleicht auch diese spürbare Suche nach Oberinstanzen. Die einen fertige Erklärungen liefern oder besser gar keine Erklärungen, sondern einfach nur “starker Mann” reicht vielleicht… LG Svenja Hofert
Verstehe ich es richtig, dass es Ihrer Meinung nach keine persönlich gereiften Menschen geben kann, die rhetorische Schwächen haben? Und andersherum jeder Mensch mit Redekompetenz automatisch eine persönliche Reife haben dürfte?
nein, so meinte ich das nicht. Gibt auch Leute, die produzieren auswendig Gelerntes… Nein ich dachte das so rum: Man muss eigene Gedanken produzieren können, also selbst in seinem Kopf entstehen lassen können. Diese Gedanken brauchen Worte (auch wenn wir in Bildern denken, sind diese an Worte geknüpft), damit die differenziert sind (und Differenziertheit steht schon mit Reife in Verbindung) braucht man Worte zum Ausdruck. Die müssen aber nicht geschickt oder gut sein und Rhetorik ist eh was Gelerntes.… Man kann auch Dreisatzsätze produzieren, aber eben auch mehr wenns drauf ankommt. LG SH