Kate­go­rien

Probieren statt Planen: So nutzen Sie die trei­bende Kraft des Slow-Grow-Marke­­tings

Published On: 29. Januar 2012Cate­go­ries: Führung

Ich war scho­ckiert, als mir der Kunde seinen Marke­ting­plan zeigte, für dessen Erstel­lung er 5.000 Euro bezahlt hatte. Den teuren Plan hatte eine Kommu­ni­ka­ti­ons­agentur erstellt. Vermut­lich mit Text­bau­steinen. Leser meines Slow-Grow-Prin­­zips kennen die Geschichte: Das gute Stück setzte auf Maßnahmen (z.B. Anzeigen), die heut­zu­tage nicht mal mehr bei einem Hand­werks­be­trieb funk­tio­nieren, ganz sicher nicht im Umfeld der wissens­ori­en­tierten und krea­tiven Dienst­leis­tungen.

Slow-Grow-Marke­­ting ist expe­ri­men­telles, spie­le­ri­sches, auspro­bie­rendes Marke­ting. Was aber heißt das genau? Das ist Thema dieses  Beitrags, der sich an alle Selbst­stän­digen richtet – und natür­lich auch an Inter­es­sierte:

Das Wich­tigste sei gleich vorab gesagt: Erfolg ist im Social Web kaum planbar. Sascha Lobo ist in Zeiten der zweiten Internet-Revo­lu­­tion (Social Media) zu einem Internet-VIP geworden. Auch Klaus Eck ist aus keiner Ecke wegzu­denken. Aber eine solche Sicht­bar­keit kann derzeit niemand mehr mit den Mitteln erzielen, die beide First Mover genutzt haben. Der Grund ist einfach: Das Social Web ist jetzt Alltag, der Kuchen verteilt und neu zu backen.

Derzeit zählt vor allem die Commu­nity, also die Gemein­schaft, die Sie aufgrund eines Themas oder Ihrer Person oder beidem um sich versam­meln können. Die Segmente werden kleiner.  Und eine der wich­tigsten Fragen lautet: Welches Thema ist noch nicht besetzt? Expe­ri­men­telles Marke­ting heißt vor allem durch dosierten Aktio­nismus heraus­zu­finden, wo sich eine Commu­nity finden  kann, was diese will, wie Sie sie binden, vergrö­ßern und verän­dern (sofern Sie neue Kunden suchen).

Anders als früher besteht so aber auch nicht mehr die Gefahr, teure Marke­ting­pläne und ein oder zwei Jahre mit falscher Stra­tegie in den Sand zu setzen, wie der oben beschrie­bene Kunde. Denn: Die Rück­mel­dungen sind unmit­telbar, Korrek­turen fast jeder­zeit möglich.

Niemand weiß genau, was in seiner Commu­nity jetzt und als nächstes funk­tio­niert. Und wer immer es behauptet, wird von der Wirk­lich­keit rechts über­holt. Sicher gibt es einige Dinge, die einfach mensch­lich sind und deshalb funk­tio­nieren: So mögen alle Menschen Bilder und jeder reagiert auf Emotionen. Aber in der Art der Emotionen gibt es schon mal Unter­schiede. Als Ratio­na­list reagiere ich emotional eher auf Dinge, die die Welt bewegen und bin wenig anfällig gegen­über unbe­legten Verspre­chungen, so power­voll sie auch vorge­tragen werden.

Ich weiß: Meine Commu­nity mag Über­sichten. Deshalb abschlie­ßend  noch die wich­tigsten fünf Regeln für expe­ri­men­telles Marke­ting:

1. Sofor­tiges Feed­back

Wenn ich ein oder kein Like auf einen Face­book­bei­trag bekomme, dann war es das eben nicht. Wenn ein Beitrag aber wie der Text­­bau­stein­­schleuder-Artikel 20 Mal retweetet wird, heißt das: Das kommt an. Vermut­lich weil der Text witzig war und viele betrifft. Jetzt kann ich selbst entscheiden, ob ich mehr auf diese Schiene setzen möchte oder weiter Neues auspro­biere (letz­teres!)

2. Fehler sind nicht schlimm

Mensch, habe ich schon viele Recht­schreib­fehler gemacht. Das fiel meist nicht mal auf. Und das ist das schöne: Sie können sich sofort korri­gieren oder einfach igno­rieren, was Sie im Nach­hinein nicht so gut fanden. Alte Beiträge verdrängt man in der Such­­ma­­schinen-Popu­la­rität, indem man möglichst viele neue produ­ziert.

3. Nach­ma­chen ist dumm

Es gibt Menschen, die kaufen sich einen Ratgeber und machen es dann genauso wie der Autor vorschlägt. Das ist so wie mit den Copy Cats: Inno­va­tion? Gleich null.  Ich gebe zu, siehe Copy Cats, es kann gelingen, aber nach­haltig ist es nicht, gerade nicht für kleine Selbst­stän­dige, die länger von ihrem Busi­ness leben wollen. Die Copy Cats werden irgend­wann von der Mutter­katze gefressen. Die Slow-Grow-Selb­st­­stän­­digen aber wollen am Markt über­leben und das nicht nur drei Jahre. Nach­ma­chen verbietet sich da. Immer erlaubt ist hingegen Besser­ma­chen.

4. Mut wird belohnt

Vor allem, wenn sich Besser­ma­chen mit Mut verbindet. Mut hat immer auch mit der Bereit­schaft zu tun, Entschei­dungen zu fällen. Motto: „Ich entscheide mich, eine Zeit­lang alles auf eine bestimmte Karte zu setzen, weil ich einfach über­zeugt von ihr bin.“ Im Inter­view morgen spreche ich mit dem Doku­men­tar­filmer Peter Haas darüber, der mit seiner Kollegin Silvia Holz­müller mehr­fach gezeigt hat, dass sich das lohnt.  Wer nicht weiß, wie er mutig ist, sollte einfach mal anfangen in Gegen­teilen zu denken: Was ist der gängige Main­stream? Und was wäre genau das Gegen­teil davon? Das bringt auf Ideen.

5. Recht­zeitig aufgeben

Expe­ri­men­telles Marke­ting bedeutet auch, dass Sie recht­zeitig aufgeben, wenn sie mit einer Maßnahme nicht weiter­kommen. Manchmal will die Commu­nity nicht das, was einem selbst wichtig ist. Manchmal muss man eben erkennen, dass es keine Commu­nity gibt, dort wo man eine vermutet hätte. Auch dafür liefert Peter Haas morgen einige Beispiele.

Sie dürfen gespannt sein.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. wirken­nenuns 29. Januar 2012 at 19:35 — Reply

    Hallo Svenja,

    im Prinzip gehe ich mit Dir konform, Svenja — dennoch erlaube mir nach­ste­hende Gedanken!
    Vorab zum Einsatz einer Agentur:
    Es gibt halt solche und solche Menschen. Die, die mit ein wenig gutem Willen auch die nötige Krea­ti­vität zum Probieren entwicklen, andere, die erst gar keine Ansätze haben- muss es ja auch, sonst würde es einige Berufs­gruppen gar nicht geben?! Das Net oder Bekannte mit entspre­chenden Erfah­rungs­werten können solchen Leuten wie von Dir beschrieben nütz­liche Hinweise für z. B. geeig­nete Agen­turen geben. Zudem sind einige rück­zah­lungs­freie Förder­mittel aus dem EU-Topf für Maßnahmen wie Marke­ting, Control­ling etc. weder bekannt noch werden sie genutzt (z. B. BAFA).

    Mit dem Aufgeben von Gedanken stehe ich eben­falls etwas im Konflikt. Ich habe selbst beim Bloggen schon mehr­fach fest­ge­stellt, dass da zwar aus meiner Praxis resul­tie­rend ein inter­es­santes Thema ist, welches ich aufgreife — es aber im ersten Moment keinerlei Reso­nanz fand. Nu genieße ich, bzw. auch mein Blog nicht so eine Popu­la­rität wie Du, bzw. Deine Artikel. Erst (viel) später konnte ich anhand meiner Statistik und zeit­ver­setzt in den Medien publi­zierte Artikel ließen doch ein Inter­esse darauf schließen. Man denke bloß an Unter­nehmen oder Personen. Erstere suchen Quer­denker, man schenkt ihnen erstmal kein Ohr — viele Personen sehen sich als solche, obwohl sie vom Quer­denken weit entfernt sind. Vllt ist bei Punkt 5 statt gänz­li­cher Aufgabe manchmal eine gesunde Mischung aus Trend und “sich selbst treu” bleiben gar nicht so verkehrt.

    Gruß xyz 😉

  2. Svenja Hofert 30. Januar 2012 at 0:32 — Reply

    Hallo Wirken­nenuns, danke für deine Mail. Du hast natür­lich recht, und die Sache mit dem Aufgeben ging mir heute beim Joggen durch den Kopf (als neues Thema). Es gibt viele Menschen, die nicht aufgeben, weil sie an das glauben, was sie tun. Ich habe mich heute auch für eine Sache entschieden, die ich auch nicht aufgeben will — obwohl sie nicht erfolg­reich ist. Und musste dabie an Michy Reincke denken, der in meinem Slow-Grow-Buch inter­viewt ist. Er hat viele Jahre keinen so rich­tigen Erfolg gehabt — und jetzt flutscht es einfach so mit der neuen DVD. Ganz einfach weil er nicht nach dem Strom geschwommen ist, sondern das macht, was er für richtig hält. Hier bewährt sich das Dran­bleiben. Das genau ist die Balance. Deshalb ist das Thema Aufgeben sehr schwierig zu bewerten: wann ist es zu früh und wann zu spät? BAFA: Da hast du recht, ich weise meine Kunden immer darauf hin, sobald ich sehe, dass das Geld knapp ist. Ich mache es nicht bei Leuten, die genug haben, weil es für mich ein (ehrlich gesagt enormer) zusätz­li­cher Zusatz­auf­wand ist. Aber das gibt es. herz­liche Grüße Svenja

  3. wirken­nenuns 30. Januar 2012 at 13:15 — Reply

    Hallo Svenja, mir ist auch noch eine kleine Ergän­zung zum Probieren/ Aufgeben einge­fallen: Vermut­lich ist es gleich zu Anfang etwas schwerer (s)einen krea­tiven Weg/ Trend wie z. B. in einer (etablierten) Commu­nity zu finden. Wir kennen es aus dem Alltag: Wenn 2 das Gleiche tun, ist es noch lang nicht dasselbe! Heißt, der Neue kann noch so tren­dige Themen plat­zieren, die Wahr­neh­mung (speziell im Netz) ist aber nicht in der Form, wie ggf. durch Influencer, wie bei den von Dir beispiel­haft erwähnten Herren Eck und Lobo. Sollte ein Newbie einen gänz­lich anderen Stand­punkt vertreten sich erstmal gegen diese “Platz­hir­sche” beweisen. Ob richtig oder falsch wird sich daher eingangs schwerer erschließen lassen.
    Eben­falls herz­liche Wochen­start­grüße nach HH,

    xyz 😉

  4. […] Nicht-Power-Usern fehlt jegli­ches Verständnis für die Faszi­na­tion, die mich nun schon seit andert­halb Jahren mit erhöhter Inten­sität durch die sozialen Netz­werke trägt. Meine teils noch nicht sehr konkreten Pläne für das, was ich aus all dem mache, hält manch Offliner für spin­nert. Mein Ziel ist es, diesen Blog auszu­bauen, auf eine eigene Art, ohne Werbung, um daraus eine Platt­form zu machen, die sich auch unter­neh­me­risch nutzen lässt. Denn es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, ein Portal mit irgend­wel­chen nervenden Anzeigen zu pflas­tern, deren Klick­raten eh immer weiter  verfallen.  Ich erin­nere mich an Zeiten mit 3% —  längst liegt der Klick­raten-Durch­­­schnitt bei 0,09%. Auf die paar Euro, die werb­liche Blog­ver­mark­tung bringen könnte, verzichte ich. Ich ahne, nein ich bin fest über­zeugt, dass andere Modelle möglich sein müssen, doch die Vorstel­lung davon ist noch ungenau. Nicht der Weg ist das Ziel. Der Weg führt zum Ziel. […]

  5. […] Trüf­fel­schweine müssen ein Gefühl dafür entwi­ckeln, welche das sind. Das ist das, was ich expe­ri­men­telles Marke­ting nenne und was auch Prinzip meines Slow Growings ist. Und worüber ich mich bald mit Kerstin Hoff­mann […]

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