Kate­go­rien

Denken — nein, Danke: Die Folgen der Prozess­op­ti­mie­rung in der Arbeits­welt

Published On: 21. Juni 2011Cate­go­ries: Führung

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten seit 10 Jahren in ein und derselben Firma. Sie haben gedacht, genau dies hier wäre ein Lebensjob. Sie hatten lange auch Spaß an der Arbeit. Von der Zukunft der Arbeit haben sie gelesen und nicht geglaubt, dass es auch mal SIE betreffen würde, in ihrer Versi­che­rungs­ge­sell­schaft, Bank, in dem Indus­­trie- oder Handels­un­ter­nehmen oder wo auch immer Sie tätig sind. Dass die Prozess­op­ti­mie­rung so weit um sich greifen würde?

Und jetzt trifft es Sie doch. Die Stan­dar­di­sie­rung von Prozessen ist bei Ihnen ange­kommen. Viel­leicht haben Sie selbst mitge­wirkt an einem Projekt, das das Ziel hatte, Arbeits­ab­läufe zu verein­fa­chen und zu stan­dar­di­sieren. Danach aber hat man alle span­nenden Aufgaben ausge­la­gert. Sie hätten gedacht, es bleibt was übrig für sie – Puste­ku­chen. Unter­neh­mens­be­rater machen nun das, was Sie vorher toll fanden. Viel­leicht entstand mit Hilfe einer Bera­tungs­firma ein Shared Service Center. Da sitzen sie dann outges­ourct im eigenen Unter­nehmen. Und können fast sicher sein, dass das nicht der letzte Schritt auf dem Weg zu mehr Effi­zienz und der Abschaf­fung mensch­li­cher Denk­ar­beit ist. 10 lange Jahre durften Sie Ideen einbringen, wirken, handeln. Jetzt ist das alles nicht mehr gefragt.  Es bleiben ausfüh­rende, prüfende, kontrol­lie­rende Aufgaben, die Sie ätzend finden. Neid­voll schauen Sie sich die Consul­tants an, die das Wort Heraus­for­de­rung noch in den Mund nehmen können.

Alltags­musik. Die Auswir­kungen der Prozess­op­ti­mie­rungs­welle erlebe ich täglich. Wenn mir zum Beispiel ein Kunde von einem stan­dar­di­sierten, emoti­ons­losen Tele­fon­in­ter­view erzählt, das er mit der selt­samen Vertre­terin einer Limited in Irland geführt hat, im Namen eines großen Konzerns. Oder mir Mitar­beiter frus­triert berichten, dass sie selbst nur noch ausführen, was andere vorgeben. Das eigent­lich keiner mehr wirk­lich an Leis­tung inter­es­siert ist. Und dafür hat man dann studiert? Dafür schreit alles nach Akade­mi­kern?

Ich wundere mich nicht, dass es für immer mehr Menschen immer reiz­voller wird, in Bera­tungs­un­ter­nehmen tätig zu sein – allein steht dem im Weg, dass einige die Reise­tä­tig­keit nicht in ihr Leben inte­grieren können und wollen. Die wirk­lich span­nenden Jobs in Unter­nehmen, die die eigenes Denken und Ideen erfor­dern, dagegen schwinden dahin.  Spätes­tens nach der zweiten Prozess­op­ti­mie­rungs­welle bleiben Jobs, für die eigent­lich kein Studium mehr nötig ist und die dennoch – vorüber­ge­hend, bis zur nächsten Opti­mie­rungs­welle – mit quali­fi­zierten Mitar­bei­tern besetzt werden.

Der in nahezu jedem modernen Buch zitierte Mihail  Csikszent­mi­halyi, Flow-Forscher, schreibt, dass die Moti­va­tion von Menschen schwindet, wenn sie nicht mehr selbst­be­stimmt arbeiten können. Eine Folge von Prozess­op­ti­mie­rung ist aber die Stan­dar­di­sie­rung. Und eine Folge der Stan­dar­di­sie­rung ist fehlende Selbst­be­stim­mung. So stellt sich die Frage, was nach der Prozess­op­ti­mie­rung 1, 2 oder 3 kommt. Moderne Fliess­band­ar­beit für Akade­miker — ist meine These.

Bewirkt der Demo­gra­fie­wandel nicht nur eine kurze Verbes­se­rung? Begründet das Ende der Arbeit , wie es Jeremy Rifkin beschrieben hat, wirk­lich ein Para­dies aus Selbst­be­stim­mung und Krea­ti­vität? Wer soll in den Shared Service Centern sitzen?  W§as kommt, wenn alles opti­miert ist? Heute schreibt die Süddeut­sche, dass wir viel­leicht noch in diesem Jahr­hun­dert eine Arbeits­lo­sen­quote von 70% erleben werden, eben weil der IQ der Maschinen rasant steigt und man den Menschen immer weniger brauche. Was von Menschen dann gefor­dert ist, beziehe sich allein auf Kopf-und Krea­tiv­leis­tungen. Doch wie bereiten wir Mitar­beiter darauf vor, die wir durch Prozess­op­ti­mie­rungen in stan­dar­di­sierte Tätig­keiten und prozess­ana­loges Denken zwingen? Gar nicht.

Wer in einer stan­dar­di­sierten Tätig­keit vor sich hin dümpelt, wem Denken unter­sagt ist, der kann nur eins tun: Gehen und etwas Neues suchen. Selbst wenn die Suche länger dauert.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

12 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 21. Juni 2011 at 19:44 — Reply

    Den glei­chen Wider­spruch sehe ich auch:

    Einer­seits erfor­dert die genormte Arbeits­welt ständig mehr stan­dar­di­sierte Tätig­keiten — auch und gerade von Akade­mi­kern.

    Ande­rer­seits bedarf es krea­tiver oder gar eigen­wil­liger Kompe­tenzen, um die notwen­digen Inno­va­tionen auch in der Stan­­dard-Welt voran­zu­bringen.

    Beides zu erfüllen, ist nun wirk­lich die Kunst! Eine gewisse Subver­si­vität ist nicht nur hilf­reich, sie macht sogar Spaß!

    Viel­leicht gibt es sie ja doch: Die krea­tive Prozess­ge­stal­tung oder die prozess­ori­en­tierte Krea­ti­vität!

    Ich glaube daran!
    Demnächst mehr beim Kaffee 😉

  2. Svenja Hofert 21. Juni 2011 at 19:57 — Reply

    Das Prozesse gestalten macht noch Spaß — danach muss aber was Neues kommen. Ich denke auch, es gibt eine Lösung. Viel­leicht finden wir die ja beim Kaffee? LG SH

  3. Elke König- jobagentin 21. Juni 2011 at 23:11 — Reply

    Moderne Fliess­band­ar­beit für Akade­miker — steile und oft zutref­fende These! Da haben wir ein Paradox : Die Indus­tria­li­sie­rung der Wissens­ar­beit in der post­in­dus­tri­ellen Gesell­schaft. Die Beschrei­bung von weit­ge­hend stan­dar­di­sierten Tätig­keiten mit Begriffen aus der manu­ellen Arbeit habe ich kürz­lich in meinem Blog thema­ti­siert: “Zukunfts­trend: Die Aufwer­tung der manu­ellen Arbeit? Schrauben, Schmir­geln und Putzen.” http://recruiting.koenig-personalmanagement.de
    Die “moderne Fliess­band­ar­beit für Akade­miker ” bezieht sich auf “Kopf- und Krea­tiv­leis­tungen”. In den “sozialen Berufen” ‑gemeint sind nicht social media 😉 sonderrn Pädagogik und Pflege — gibt es weniger Stan­dar­di­sie­rung, aber — und das ist der Pfer­defuß — auch nied­ri­gere Gehälter. Und sie sind auch — wie noch- hand­werk­liche Berufe mit einem gerin­gerem sozialen Status verbunden. Übri­gens, schon 1981 hatte — der Jesuit und Nestor der katho­li­schen Sozi­al­lehre — Oswald von Nell-Breu­­ning gesagt, daß ein Tag Arbeit pro Woche ausrei­chen würde gemessen an der Produk­ti­vität. http://bit.ly/lj7snr (Arbeitet der Mensch zuviel? Frei­burg 1985)
    Es bleibt span­­nend- schöne Grüße, Elke König

  4. Anne Güntert 22. Juni 2011 at 11:54 — Reply

    daran denke ich mal, wenn ich z.B. beim über­setzen eines QMS auf ein Forma­tie­rungs­pro­blem stoße.….;-) eine andere Frage ist auch immer wieder: Wie wird Arbeit über­haupt wert­ge­schätzt? Mit Geld und mit Aner­ken­nung? Beim Zerlegen in Stan­dards geht auch einfach die Wert­schät­zung verloren, die man für seine Arbeit bekommt. Der Rest steht dann immer noch tref­fend genug in Marx, “Das Kapital”.

  5. Svenja Hofert 22. Juni 2011 at 15:16 — Reply

    Hallo Frau König, vielen Dank für die tolle Ergän­zung. Gefällt mir sehr gut, was Sie sagen und bei den sozialen Berufen bin ich komplett d´accord.
    @annegüntert: Ich denke manchmal: mit Geld oder Aner­ken­nung. In das Kapital habe ich lange nicht mehr rein­ge­schaut, aber ich glaub ich werde mal auf die Suche gehen, denn zitiert wurde in den letzten Jahren vor allem Adam Smith 😉

  6. Melbar Ksom 22. Juni 2011 at 16:13 — Reply

    Ja ja, Akade­miker am Fließ­band. Eine grau­en­hafte Vorstel­lung. Daher wollen wir doch die Prozesse lieber für die Nicht-Akade­­miker opti­mieren. Das sind die, die in Unter­nehmen Dinge tun, für die kein Studium notwendig ist. Die mit den weniger span­nenden Jobs, die sei jeher weder eigenes Denken noch Ideen erfor­derten. Die Jobs halt, die mit quali­fi­zierten Mitar­bei­tern besetzt werden, obwohl für qualif­zierte Mitar­beiter gar nicht nötig wären.

    Also: Moderne Fließ­band­ar­beit nur für Nicht-Studierte. Alles andere ist Vergeu­dung wert­voller Ressourcen.

    Viele Grüße
    Melbar Kasom

  7. Robert 22. Juni 2011 at 21:41 — Reply

    Ich glaube, dass man durchaus durch Prozess­op­ti­mie­rung und gleich­zeitig flachere Hier­archi den Mitar­beiter mehr Verant­wor­tung über­tragen kann. Das ganze ist nicht in jedem Fall möglich, aber mit Sicher­heit eine Über­le­gung.

  8. Svenja Hofert 23. Juni 2011 at 10:29 — Reply

    Das Problem ist, dass auch Nicht-Akade­­miker denken wollen 😉 Und wer sich nur an Vorgaben halten muss, tut zwar irgend­etwas, aber nicht selbst­be­stimmt — das ist die Krux. Gleich­zeitig lässt sich aber auch kein “Dummer” auf diese Stellen setzen, weil sie Fach­wissen voraus­setzen. Das Problem ist doch, dass sich die Niveaus verschieben: Menschen mit Ausbil­dungs­be­rufen rücken langsam aber sicher an die Stelle früherer Unge­lernter, Bachelor nehmen ihre Posi­tion ein. Merkt man überall.… und kann man in Frank­reich noch deut­li­cher sehen als bei uns wo das früher einsetzte. LG SH

  9. Anne Güntert 23. Juni 2011 at 11:14 — Reply

    http://imgriff.com/2011/06/07/motivation-wer-selbstbestimmt-und-sinnstiftend-arbeitet-leistet-mehr/

    Dazu ein Zitat (selbst gehört) einer FM im JobCenter: “Selbst­ver­wirk­li­chung ist kein teil der Arbeits­suche”…

    Das Bescheid­wissen über die eigenen skills, trans­ferable skills, Talente und Bereiche ist ganz wichtig, um über­haupt Wert­schät­zung für eine Aufgabe oder Job zu empfinden und auch geben zu können. Ist dies auf keiner oder auf nur einer Seite vorhanden, kommen wir in ganz gefähr­liche Untiefen (Analyse eben Marx oder Chaplin’s Moderne Zeiten)

  10. Anne Güntert 23. Juni 2011 at 11:35 — Reply

    Stich­wort Geld oder Anerkennung…bei einer Fach­kon­fe­renz mit Jour­na­listen in Hamburg stiess ich auf Aussagen: “ich liebe meinen Job, obwohl nur 80 EUR pro Artikel bei einer (Name ist der Red. bek.:-))) großen deut­schen Tages­zei­tung bezahlt werden.”

    Da wird wird mir persön­lich schon mulmig.…..warum wird idea­lismus zwar aner­kannt, aber leben kann man nicht davon? Warum ist das so? muss es so bleiben?

  11. Dunja Reichelt 2. Juli 2011 at 12:50 — Reply

    Hallo Frau Hofert, bei diesem Artikel sollten Sie noch­mals die Grund­re­geln der Verwen­dung von “Sie” und “Ihr” lernen. So gut wie auch der Inhalt Ihres Blogs ist — die Recht­schrei­bung liest sich grau­en­haft und von einer Frau von Ihrem Format sollte man doch erwarten können, dass sie einen fehler­freien Blog schreibt. Nichts für ungut.

  12. […] Bank­kauf­frau sollte ich werden, wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre – wegen der Sicher­heit. Nun haben Bank­kauf­leute, trotz aller Wirren, wirk­lich eine extrem nied­rige Arbeits­lo­sen­quote (zuletzt, 1,1%, siehe Am besten wirst Du). Doch wer vom Schal­terjob geträumt hat, ist in einem ganz anderen Film aufge­wacht. Bank­kauf­leute berichten mir von genü­gend Jobs, aber wenig Freude mit dem, was die “neue Arbeit” so mit sicht bringt, etwa im Bereich der Prozess­op­ti­mie­rung. […]

Leave A Comment