Kate­go­rien

Der neue Trend zum Raus­schmiss: ® aus die Maus

Published On: 27. Oktober 2011Cate­go­ries: Führung

Es wird mehr raus­ge­schmissen. Nicht die wirt­schaft­liche Lage ist schuld, nein:  mangelnde Leis­tung der Arbeit­nehmer. Oder das, was manche Chefs für mangelnde Leis­tung halten.  Und das ist eini­ger­maßen subjektiv.

Manche Unter­nehmen verhalten sich dabei als würde es über­haupt keine Gesetze geben. Sie sagen zum Beispiel, lange nach abge­schlos­sener Probe­zeit: „Wer als Lowper­former einge­stuft ist und sich nicht verbes­sert, fliegt nach einem halben Jahr.“ Andere bieten gerin­gere Gehälter an oder/und versetzen auf nied­ri­gere Stellen. Warum sie für schlechte Leis­tungen am Pranger stehen, verstehen viele Mitar­beiter selbst nicht. Die Führungs­kräfte können es nicht kommu­ni­zieren. Wenn etwas Schrift­li­ches verfasst oder ein Formular ange­kreuzt wird, so bleibt die Einschät­zung viel­deutig. Man arbeitet gern mit Substan­tiven, z.B. fehlt „Team­fä­hig­keit“. Doch was ist damit gemeint? Was ist fehlende Team­fä­hig­keit? Es entsteht der Eindruck, dass Viel­deu­tig­keit gewünscht ist — ein unsi­chere Führungs­kraft muss sich da nicht committen.

Ich bin immer dafür, dass eigene Profil zu schärfen und bin selbst sehr Leis­tungs­affin. Aber: Leis­tung ist relativ, oft relativ zu unter­­neh­­mens- oder abtei­lungs­po­li­ti­schen Zielen. Hinzu kommt, dass Leis­tung gar nicht überall gewünscht ist — ein ehrgei­ziger Mitar­beiter ist nicht selten auch ein Ruhe­störer. Die Argu­men­ta­tion mit schlechten Leis­tungen ist ein idealer Abfin­dungs­schrump­fungs­grund aus Arbeit­ge­ber­seite, man kann damit prophy­lak­tisch die Luft der Gegen­wehr raus­pressen. Wenn ich einem Mitar­beiter lang genug einrede, dass seine Leis­tungen nicht ausrei­chen, erziehe ich mir jemand mit null bis wenig Wider­spruchs­geist. Tippt sich dieser Mitar­beiter nicht rechts an die Stirn und kündigt sofort von selbst, wird er sich bemühen besser zu werden und wenn er bis dahin nicht an sich gezwei­felt hat, wird er es ab jetzt tun. Und die Regel ist simpel: Je mehr Selbst­zweifel, desto billiger wird man jemand los.

Als ich selbst vor 14 Jahren selbst einmal raus­ge­schmissen wurde, mein Schweigen erkaufte man sich teuer, ging es noch Ruck­zuck. Ab nach oben, sofor­tige Frei­stel­lung. „Du musst weg, damit du nicht mehr mit den anderen reden kannst.“ Ich konnte mit einer ordent­li­chen Wut nach Hause gehen und hatte ein solides Feind­bild.  Auf die Höhe meiner Abfin­dung hatte das posi­tive Auswir­kungen, mein Kampf­geist war geweckt.

Heute bekomme ich öfter mit, dass es Abfin­dungen gar nicht mehr gibt oder diese sich in lächer­li­cher Höhe bewegen. Immer mehr Unter­nehmen wollen ihre unlieb­samen Mitar­beiter low budget loswerden. Es scheint mir ein neuer Trend, völlig konträr zu dem, was bis 2005 üblich war; Raus­kaufen, koste es fast was es wolle.

Unter­nehmen setzen dabei  offenbar bewusst auf einen weiteren subtilen Mecha­nismus neben der In-Frage-Stel­­lung der “Leis­tung”: Sie stellen nicht mehr frei. Der Mitar­beiter, der nach einer Hiobs­bot­schaft jeden Tag ins Büro kommen muss, wird nur bei sehr hohem Rache/Kampf im Reiss-Profil,  dagegen angehen. Im Normal­fall wird er versu­chen, Ärger möglichst zu vermeiden. Könnte sich ja rumspre­chen. Negativ auf die Kollegen auswirken.

Wenn Sie ein Betrof­fener sind: Lassen Sie sich das nicht gefallen. Wenn man Ihre Leis­tung bemän­gelt, haben Sie ein Recht auf konkrete Antworten, was Sie ändern sollen. Das macht eine gute Führung aus: Sie kann vermit­teln, was sie will — und zwar konkret.  Nur selbst unsi­chere Manager, die sich aus Angst um den eigenen Kragen nicht klar posi­tio­nieren wollen, können das nicht.

Möglich, dass Ihr Leis­tungs­profil wirk­lich nicht gut genug ist oder nicht in das Unter­nehmen passt. Ist es schlecht, muss man sagen können, was Sie tun können — und zwar mit mehr Sätzen als einem Substantiv und konkreten Maßnahmen zur Verbes­se­rung. Schwam­mige Aussagen zeigen oft an: Hier geht es im Grunde um die hohe Politik.

Will man Sie kündigen bzw. einen Aufhe­bungs­ver­trag erwirken, suchen Sie sich einen Anwalt. Lassen Sie sich auf keine Verein­ba­rungen ein, die unmit­telbar nach einem Feed­back­ge­spräch getroffen werden, viele Arbeit­geber versu­chen das. Erbitten Sie sich immer Bedenk­zeit.  Manche Mitar­beiter suchen in so einer Situa­tion Gespräche  mit dem Betriebsrat. Dessen Empfeh­lungen können hilf­reich sein, aber auch im Weg stehen.

Meine Erfah­rung ist, dass Betriebs­räte, die nicht frei­ge­stellt sind, oft noch sehr stark selbst einge­bunden sind und nicht nur im Inter­esse des Arbeit­neh­mers denken, sondern in ihrem eigenen. Der Anwalt kann Sie auch im Hinter­grund beraten, wenn das erfolgs­ver­spre­chender scheint als ihn in Erschei­nung treten zu lassen. In jedem Fall gilt:  Nichts über­stürzen, geplant vorgehen.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

9 Kommen­tare

  1. Thomas Hoch­ge­schurtz 28. Oktober 2011 at 0:07 — Reply

    Wer stets auf seine Arbeits­markt­qua­li­fi­ka­tion schaut, hat kein Problem. Wer denkt, dass er einen Anspruch auf einen bestimmten Job hat, steuert schon auf Probleme zu. Am Ende gilt: Abfin­dungen sind die teuerste Form von Entgelt. Denken Sie nicht über Ihre Abfin­dung nach, sondern, wie Sie Ihre Arbeits­markt­qua­li­fi­ka­tion erhöhen können!

  2. Manage­ment-Blog wiwo.de 28. Oktober 2011 at 1:32 — Reply

    Und beim Anwalt sollte man auf Kampf­be­reit­schaft achten: will der mann nur schnell mitver­dienen an einer schnellen Abfin­dung oder erkämpft er auch Arbeits­plaetze zurueck? Kann er solche Faelle vorweisen? Fragen Sie nach, bevor Sie ihn bevoll­maech­tigen.

  3. Svenja Hofert 28. Oktober 2011 at 8:17 — Reply

    seh ich anders: Beides. Mit einer hohen Abfin­dung kann ich in die Selbst­stän­dig­keit starten oder mir den Master leisten.… Ich meinte hier: Raus­schmisse, die nicht wirk­lich was mit Quali­fi­ka­tion zu tun haben. Davon gibt´s ne Menge. LG SH

  4. Svenja Hofert 28. Oktober 2011 at 8:23 — Reply

    @management-blog wiwo.de: Ja, richtig. Es ist z.B. besser einen orts­fremden Anwalt zu nehmen, wenn man sich in einem länd­li­chen Umfeld bewegt. Der Anwalt klün­gelt dann ncht selten. Oder er will nur schnell DNV machen (Dienst nach Vorschrift). LG SH

  5. Chris­toph Burger 28. Oktober 2011 at 15:15 — Reply

    “und nicht nur im Inter­esse des Arbeit­neh­mers denken, sondern in ihrem eigenen” … manchmal schreiben Leute so schöne Sachen — aus Versehen (ich natür­lich auch mal). In diesem Fall lautet mein Kommentar: Leute machen immer Dinge in ihrem eigenen Inter­esse. Güns­ti­gen­falls decken sich die Eigen­in­ter­essen des anderen (teil­weise) mit meinen Eigen­in­ter­essen…

  6. Wilhelm Zorem 29. Oktober 2011 at 9:16 — Reply

    Die Qualität der Themen in Ihrem Blog wird besser. Solange solche Spinner (meine Meinung), wie Jörg Knob­lauch den Unter­neh­mern die A,B,C — Stra­tegie verkaufen, ist der Raus­schmiss wegen Minder­leis­tung ein Thema. Oftmals kann der Manager auch nicht anders, weil ein Mitar­beiter auf der Selbst­ver­wirk­li­chungs­stufe sein eigenen Ding macht, anstatt dem Unter­nehmen zu dienen. Wir wissen doch längst: Wir haben zu viele Führungs­kräfte und zu wenig Führungs­per­sön­lich­keiten. So lange Führungs­kräfte arbeiten wird einzig das Ziel von Unter­nehmen opti­miert. Als Mitar­beiter bin ich Unter­nehmer. Ich verkaufe meine Arbeits­leis­tung und als verkau­fender Unter­nehmer opti­miere ich mein Produkt und orien­tiere mich am Bench­mark für mein Produkt. Von einem Trend zum Raus­schmiss würde ich derzeit nicht unbe­dingt reden.

  7. Burk­hard 30. Oktober 2011 at 14:28 — Reply

    @Burger Stimmt so nicht ganz. Es gibt sehr viele , die aus altru­is­ti­schen Motiven etwas tun. Doch sollte das in den Bereich Privat­leben beschränkt bleiben. Im Berufsleben,die Deut­schen trennen ja gern, sollte man immer zuerst an sich denken und wenn das , was mir nützt auch“Meiner” Firma nützt umso besser. Schon alleine um Geld zu verdienen , muß man ja an sich denken. Denn sonst könnte ich ja meine Arbeits­kraft für Null und umsonst anbieten. Allein da muß ich aber an mich und mein Über­leben und die unbe­zahlten Rech­nungen denken. Ergo jeder denkt irgendwo an sich selbst. Das nur zur Ergän­zung zu Herrn Burgers Kommentar.

    • Svenja Hofert 31. Oktober 2011 at 0:13 — Reply

      Hallo Herr Reddel, danke für Ihren Beitrag. Haben Sie die Mail­adresse geän­dert? Jeden­falls schalten Sie Word­Press aus uner­find­li­chem Grund nicht mehr auto­ma­tisch frei, ich geh der Sache nach. LG Svenja Hofert

  8. Chris­toph Burger 31. Oktober 2011 at 19:20 — Reply

    @Burkhard
    Die allge­meine Diskus­sion dazu könnte ausufern … ich will deswegen versu­chen, einzu­grenzen. Mir ging es darum, IMMER die (viel­fäl­tigen und hete­ro­genen) Eigen­in­ter­essen des anderen mitzu­denken. Als Karrie­re­be­rater will ich beispiels­weise, dass ich meinen Kunden helfe. u.a. weil sie dann wieder kommen oder mich weiter empfehlen und weil ich mich dann gut fühle und meine Arbeit als sinn­voll empfinde und mich freue, dass ich helfen konnte. Wenn das dann alles klappt, verdiene ich eben auch das zuge­hö­rige Geld.

Leave A Comment