Kate­go­rien

Karriere-Geschichte: Der Weg von Tante Emma zur Gene­ra­tion Y

Published On: 9. März 2012Cate­go­ries: Führung

Karriere? Och nö. Der Ehrgeiz der Gene­ra­tion Y hält sich in engen Grenzen. Dankbar lehnen sie sich mit Blick auf die Chancen zurück, die ihnen der demo­gra­fi­schen Wandel verspricht. Selbst unter BWL‑n sinkt die Zahl der Karrie­re­af­finen rapide. „Seit 2003 brach die Zahl der Jung­aka­de­miker mit Führungs­am­bi­tionen drama­tisch ein, von 32 auf heute 23 Prozent“, schreibt der STERN in seiner gest­rigen Ausgabe ohne die Quelle zu zitieren. Immer weniger junge Leute sollen laut derselben Quelle führungs­ge­eignet sein. Ich kann das nach­voll­ziehen, auch bei mir steigt die Zahl der Führungs­aus­steiger und “lieber-inhal­t­­lich-arbeiten-wollenden” — meist Männer. Der STERN persi­fliert den karrie­re­feigen Mann in den 30ern: gekleidet in einem rosa­far­benen Maxi-Strampler der norwe­gi­schen Marke Onepiece. Alles bequem, bloß kein Stress, beruf­lich nicht und auch nicht privat. Im Zweifel kann ja auch die Frau zahlen (und arbeiten). Beim Einstel­lungs­ge­spräch fragen die Um-die-30er ihre poten­zi­ellen Arbeit­geber nach Sabba­ti­cals. Die Vertreter der jungen Gene­ra­tion, die eine Karrie­re­be­ra­tung aufsu­chen, möchten wissen, was sie beim zweiten Job so fordern können (beim ersten, der ein bis drei Jahre dauert, wird noch weniger hinter­fragt und gar nicht oder moderat gefor­dert — noch). Einer der Gene­ra­tion Y‑Vertreter konnte 30% mehr Gehalt als bei der alten Stelle durch­setzen, 2 Heim­flüge im Monat, keine Kern­ar­beits­zeit (obwohl diese noch im Vertrag drin­stand und für alle anderen Mitar­beiter gilt), 40 Tage Urlaub. Ich gönn es den jungen Leuten. Aber der rosa­far­bene Strampler gibt mir doch zu Denken. Wie entstand das Karrie­re­ver­ständnis von heute? Lassen wir das mal Revue passieren.

1950–1970: Als die Karriere noch ARBEIT hieß

In den 1950er bis 1960er Jahren war es keine Frage, wer die Bröt­chen nach Hause brachte: Der Mann. Karriere war ein flei­ßiges Sich-Hoch-Arbeiten und brav Chef­chen-machen mit dem Ziel der maxi­malen Mittel­­schicht-Entfal­­tung. In Ausnah­me­fällen schlug sich auch mal eine allein­ste­hende Frau durchs Leben. Meine Tante Vera war so eine. Sie arbei­tete von 16 bis 65 (mach ihr das mal einer nach), stieg auf bis zur Fili­al­lei­terin bei Kaiser´s Kaffee. Es gibt Bilder, wo sie den Kaffee noch mit der Waage abwog.

Zum Abschied in den Sieb­zi­gern, schenkte man ihr ein goldenes Armband mit kleinen Kaffee­kannen drauf. Sie schmolz es ein. Tante Vera war eine unty­pi­sche, eigen­wil­lige Frau für die dama­lige Zeit; ich bewun­derte sie und ihr goldenes Armband. Doch trotz ihrer bemer­kens­werten Grad­li­nig­keit stellte sie nie in Frage, wer das Sagen hat: Der Chef. Der Mann.

Berufs­wahl mit Sinn, Karriere mit  mehr als dem Sinn viel Geld zu verdienen? Alle älteren Menschen, die ich danach befragt habe, schüt­teln den Kopf: Sowas gab es nicht. An sowas dachte man nicht mal. Sinn? Unsinn: Meine Mutter durfte zwar aufs Gymna­sium, musste dann aber trotzdem Kran­ken­schwester lernen. Ihr Vater hat es ange­ordnet. War damals so. Punkt.  Karriere: Nur, wenn es nach oben geht und sich das finan­ziell lohnt. Und das betraf nur Männer.

1970–1980: Jeder kann alles werden

Oh, die 1970er! Ich bewegte mich zwischen „Theo wir fahrn nach Lodz“ und den „Sultans of Swing“ von den Dire Straits, meiner aller­ersten Schall­platte. Karriere? Kein großes Thema. Es ging um mehr, etwas Größeres. Plötz­lich war alles möglich. Auf dem Gymna­sium gab es Mitschüler, die in Hoch­häu­sern lebten und vier Geschwister hatten. Die gingen in ein und dieselbe Klasse mit den Arzt- und Juris­ten­söhnen. Arbei­ter­kinder. Andere schafften auf dem 2. Bildungsweg, was heute undenkbar scheint: Lehre, das Abitur, ein Studium, zweites Studium. Ich kenne heute 50–60jährige, die eine Ausbil­dung  und zwei Mal ein voll­wer­tiges Studium absol­viert haben. Sie kommen in der Regel aus der Arbei­ter­klasse. Die Bildungs­of­fen­sive der 70er betraf vor allem die einfache Schicht. Man bekam Bafög, wurde geför­dert. Nie war die soziale Gerech­tig­keit so greifbar nah.

1990–2000: Wo bitte geht´s zur Karriere?

Seit den 1980er war BWL zu Yuppie­fach geworden, zum Wahl­fach aller extrin­sisch Moti­vierten. BWL öffnet Türen, damit kann man nichts falsch machen – in den 1990er pflanzte sich der Glaube in die Karrie­re­be­flü­gelnde Kraft dieses Fachs fort. Gleich­zeitig entwi­ckelte sich eine Vorstel­lung von Karriere, die an den Aufstieg in Unter­nehmen gekop­pelt ist: die Schorn­stein­kar­riere wurde kulti­viert, zum Ziel­ob­jekt für viele. Erfolg­reich sein war, anders als in den 1970ern cool, die 1980er als Umbruch­zeit lagen hinter uns. Jetzt „durfte“ Mann aber auch Frau Karriere machen – unter Umständen ohne ein geschnie­gelter Yuppie zu sein.

Kein Zufall, dass in diesem Jahr­zehnt die ersten Moti­va­ti­ons­trainer der Nach Dale-Carnegie-Ära aufkamen. Vera Birken­bihl etwa, die im letzte Jahr verstor­bene grande Dame der Trai­ner­szene und 1999 der Laut-Spre­cher Jürgen Höller. Er klingt uns im Ohr mit seinem „Du kannst alles schaffen! Gib niemals auf!“

Jeder seriöse Coach und Berater wird heute sagen, dass das Quatsch ist. Es KANN NICHT jeder alles schaffen. Es reicht nicht ein möglichst hohes Ziel zu haben. Die Gehirn­for­schung beweist eindeutig etwas anderes, nur ein Slow Growing ist möglich.

Aber die kam erst im letzten Jahr­zehnt so richtig in Fahrt, Antonio Damasio (unter anderem) sei Dank. Doch rational begründ­bare Tatsa­chen halten auch einen Tony Robbins nicht auf,  breite Massen in seine Vorträge zu ziehen  (die „leise“ Susan Cain war für ihr Buch test­weise in so einer Veran­stal­tung).

Ich musste, beim Betrachten eines Tony-Robbins-Videos bei Youtube an einen Besuch mit meinem Geschichts-Leis­­tungs­­­kurs 1984 im KZ Buchen­wald denken. Dort sprach eine Sozia­listin mit solch flam­menden Worten, dass ich danach in der DDR bleiben wollte. Nur das schlechte Essen hielt mich ab. Das Fleisch ist schwach, und der Mensch beein­flussbar. Die Reden von sehr charis­ma­ti­schen Menschen sind so, dass sie die Ratio ausschalten wie einen Licht­schalter. Man muss sich dann kneifen – und am besten raus­gehen, um den Kopf einzu­schalten. Ja, da schreibt ein T‑Typ.

2000–2008: Abschied vom Mythos

Am Anfang des Jahr­tau­sends moti­vierte Jürgen Höller noch etwas, dann kam 2002  Rein­hard J. Sprenger und entmys­ti­fi­zierte die extrin­si­sche Moti­va­tion als Karriere-Hebel. Zeit­gleich platzte auch die Dotcom-Blase, eine Entlas­sungs­welle nach der nächsten desil­lu­sio­nierte auch die härtesten Schorn­stein­­kar­riere-Anhänger. Noch heute habe ich trau­mat­sierte  Kunden, die in dieser Zeit irgendwo gefeuert wurden. Spätes­tens jetzt lernten unsere früh­pen­sio­nierten Väter, dass nichts sicher ist, auch nicht der Job. Das Bild der Schorn­stein­kar­riere, das schon seit den 1980er Jahren wackelte, fiel endgültig. Outpla­ce­ment, erst­mals aufge­kommen in den USA der 1960er Jahre, hatte Hoch­kon­junktur. Alte Bilder kamen ins Wanken, etwa das von den Ange­stellten zweiter Klasse, die abge­baut würden. Nein, es traf auch und gerade die Leis­tungs­fä­higen und Leis­tungs­wil­ligen. Das sprach sich rum, denn einige von ihnen wurden Perso­nal­be­rater – oder Coachs.

2008-: Karriere? Lass stecken

Die Zyklen werden immer kürzer, nicht nur in meiner Karrie­re­ge­schichte, auch in den Köpfen. Der demo­gra­fi­sche Wandel ist seit 20 Jahren bekannt, aber jetzt erst kommt er an bei den Leuten. Sie begreifen, dass sie die WAHL haben. Sie können sich Jobs aussu­chen, die Bedin­gungen diktieren, sie sind die Chefs, ohne Chef sein zu müssen. Noch gibt es Zweifel, aber die schwinden.  Die Unter­nehmen ahnen noch gar nicht, wie warm sie sich anziehen müssen, wenn es bei allen ange­kommen ist: Wir sind die Chefs, ohne Chef sein zu wollen. So anstren­gende Jobs sollen doch andere machen. Und während die Eltern noch sagen „am besten wirst du Arzt“ machen ihre Kids einfach ihr Ding.

Karriere hat eine ganz neue Bedeu­tung bekommen. Es geht um Sinn, Lebens­freude, Inhalt (siehe Anfang). Die Gene­ra­tion Y inter­es­siert sich nicht mehr für Schorn­stein­kar­riere. Sie will authen­tisch sein, sich nichts und niemanden unter­ordnen. In diese Zeit passt das Buch meines Kollegen Chris­toph Burger “Karriere ohne Schleim­spur”, das letzte Woche erschienen ist. Über die Karriere von heute spreche ich mit ihm nächste Woche. Wir lesen uns.

Fotos: © fotolia bzw. Buch Linde-Verlag, Screen­shot der Studie: PWC: Millen­nials Survey — Millen­nials at work: Resha­ping the work­place

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Marcel Kaiser 13. März 2012 at 11:57 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    Sie schreiben einen Artikel, der dem Leser einen inter­es­santen Über­blick über unter­schied­liche Karriere-Gene­ra­­tionen bietet. Ich hoffe, dass wir in einigen Jahren wirk­lich soweit sind, dass Berufs­an­fänger “die WAHL haben”, wie Sie schreiben.

    Ich bin aller­dings dennoch der Meinung, dass eine Viel­zahl der Mitglieder dieser Genra­tion Y immer noch große Probleme hat, in der Berufs­welt Fuß zu fassen. Und das nicht aus eigenem Verschulden.

    Liest man nicht immer noch in viel zu vielen Stel­len­aus­schrei­bungen, dass eine mehr­jäh­rige Berufs­er­fah­rung Grund­vor­aus­set­zung für eine Stelle ist? Woher sollen Bwerufs­an­fänger diese nehmen? Werden der Gene­ra­tion Y statt einer festen Stelle nicht immer noch viel zu viele unter- oder gar unbe­zahlte (!!!) Prak­tika ange­boten, bei denen sie Tätig­keiten eines Fest­an­ge­stellten nahezu 1 zu 1 über­nehmen?

    Sie schreiben, die Genra­tion Y “könne[…] sich Jobs aussu­chen, die Bedin­gungen diktieren”. Das mag in einigen Berei­chen mögli­cher­weise bereits der Fall sein, lässt sich meiner Meinung nach aber keines­wegs verall­ge­mei­nern. Noch nicht.

    Glück­li­cher­weise gibt es schon eine gewisse Zahl an Unter­nehmen, die die Ausbil­dung von Berufs­an­fän­gern zu ihrer Philo­so­phie gemacht haben. Bleibt zu hoffen, dass dieser Trend sich fort­setzt.

  2. […] (vermeint­li­chen) Karriere-Regeln zu unter­werfen und die eigene Persön­lich­keit zu unter­drü­cken. „Karriere ohne Schleim­spur“ lautet entspre­chend seine Devise – und sein neues […]

  3. […] anein­an­der­reihen wie Perlen­ketten.  Ein typi­scher weib­li­cher Lebens­lauf (die Jungs haben trotz rosa Stram­pel­an­zügen das Geld­ver­dienen immer noch mehr verin­ner­licht): Inge­nieur­stu­dium abge­bro­chen, Germa­nis­tik­stu­dium […]

  4. […] öfter direkt auf die vorletzte Stufe, Jungs fingen öfter unten an. Doch das verän­dert sich, Stich­wort Karrie­re­ver­wei­ge­rung junger Männer. Ich sehe es auch in meiner Bera­tung: Themen verän­dern sich in den letzten 2,3 Jahren. Sinn wird […]

  5. […] sich weiter verstärken wird. Das liegt am demo­gra­fi­schen Wandel und den verän­derten Bedürf­nissen der Gene­ra­tion Y. Es liegt aber auch am Image der Agen­turen.  Wir sind verschrien für eine schlechte […]

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