Kate­go­rien

„Hingehen und mit den Leuten spre­chen“: Wie das Unter­nehmen Otto IT- und E‑Com­­merce-Fach­­kräfte gewinnen möchte

Published On: 5. Juni 2012Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Gerade im IT‑, E‑Com­­merce- und Social-Media-Bereich wird die Perso­nal­suche immer schwie­riger. Gleich­zeitig sind diese Kräfte beson­ders anspruchs­voll. Was unter­nimmt der Hamburger Otto-Konzern, um die begehrten Kräfte zu finden und zu binden? Ich sprach mit Stefanie Hirte, Bereichs­lei­terin für Perso­nal­ent­wick­lung und Perso­nal­mar­ke­ting.

Spüren Sie den Werte­wandel, die Gene­ra­tion Y, die Verän­de­rung?

Hirte: Aber ja. Es gibt beson­ders perso­nal­kri­ti­sche Bereiche wie IT und E‑Commerce. Die Ansprüche der Bewerber steigen gerade dort, weil der Markt eng ist. Man sieht starke Unter­schiede bei den Ansprü­chen der Bewerber und auch bei den Mitar­bei­tern. So haben wir gar keine Nach­wuchs­sorgen in Berei­chen wie Personal. Hier haben wir zum Beispiel  jeder­zeit  Bewer­bungen von sehr guten Kandi­da­tenund können wirk­lich aussu­chen. In der IT ist das anders. Deshalb schauen wir uns jeden Unter­­neh­­mens- und Fach­be­reich separat an und betreiben eine darauf ange­passte Perso­nal­po­litik.

Was tun Sie denn konkret?

Hirte: Es ist ein Bündel aus Maßnahmen, das wir bei der berufs­er­fah­renen Klientel  – und teil­weise auch schon direkt nach der Hoch­schule –  einsetzen. Die zentrale Frage dabei ist, wo wir unsere Ziel­gruppe am ehesten antreffen können. Da gehen wir dann hin und spre­chen mit den Leuten ganz offen. Wir setzen zum Beispiel auf Events und Messen. Auf der Cebit gab es zahl­reiche Fach­ge­spräche, auf Basis derer – soviel ich weiß – sogar schon Einstel­lungen zustande gekommen sind.

Von ITlern in meinem Umfeld werden Sie nicht als allzu inter­es­sant ange­sehen…

Hirte: Nach wie vor werden wir sehr stark mit den Themen Einkauf und Marke­ting asso­zi­iert. Wir stehen noch nicht ausrei­chend im Fokus für tech­ni­sche Themen. Das wollen wir ändern. Ein wesent­li­cher Schritt dazu ist der von uns gestif­tete Lehr­stuhl für E‑Commerce an der FH Wedel. So kommen wir früh in Kontakt mit poten­zi­ellen Mitar­bei­tern.

Gewinnen ist das eine, binden das andere. Begehrte Fach­kräfte wech­seln, wenn sie mit etwas nicht zufrieden sind. Gerade ITlern ist Entwick­lung extrem wichtig. Was tun Sie innen?

Hirte: Wir haben eine Menge getan, bieten  z.B. eine Reihe von spezi­ellen  Fach­trai­nings an. Intern ist unser Ruf übri­gens besser als manchmal extern. Es gibt hier eine Reihe von Mitar­bei­tern, die mit glän­zenden Augen über Otto spre­chen.

Ackern ist out. Man erwartet heute Home Office und mehr Work-Life-Balance. Gibt es bei Ihnen noch eine Stechuhr?

Hirte: Stechuhr nicht, aber die Arbeits­zeit wird erfasst. Es gibt aber durchaus einen Spiel­raum inner­halb des Glei­t­­zeit-Rahmens. Diesen halten wir auch zum Schutz der Mitar­beiter aufrecht, damit sie nicht zu lange arbeiten. Ich selbst zum Beispiel arbeite einen Tag die Woche im Home Office.

Ich höre viel­fach, dass Unter­nehmen zwar laut­stark die Möglich­keit zum Home Office bewerben, die Führungs­kräfte dann aber nicht mitspielen…

Hirte: Letzt­end­lich, das ist richtig, entscheidet die jewei­lige Führungs­kraft. Manche halten eine Anwe­sen­heit viel­leicht noch für nötig. Es ist aber immer eine Verhand­lungs­sache – und ich sehe viele, die wie ich Home Office-Tage haben.

In der IT ist der Ruf von Otto auch aufgrund einer Perso­nalie nicht so gut. Die betref­fende Führungs­person ist inzwi­schen weg. Aber ich hatte hier fünf frus­trierte ITler, die ziem­lich geschimpft haben. Die tragen das weiter. Ich trag das weiter…

Hirte: Sie sind gut infor­miert. Aber hier wurde der Kurs korri­giert, trotzdem wird eine gewisse Unruhe im IT-Bereich sicher noch anhalten. Wir haben mit der konzern­weiten SAP-Einfüh­rung ein Groß­pro­jekt vor der Brust. Dieses Projekt ist übri­gens eines der größten im Handel – euro­pa­weit. Damit verbunden ist natür­lich auch ein Change-Prozess. Aber: Wir stellen uns damit für die Zukunft auf. Ich bin mir sicher, dass es für IT-Kräfte sehr inter­es­sant ist, solche Heraus­for­de­rungen mitzu­ge­stalten.

Die Forde­rungen bei den begehrten Kräften werden größer. Viele sehen nicht, warum sie sich anstellen lassen sollen, wenn sie frei doch viel mehr verdienen. Außerdem denkt man: Im Handel lohnt sich das nicht, weil der tradi­tio­nell eher schlecht bezahlt.

Hirte: Auch mit uns kann man verhan­deln. Natür­lich gibt es eine gewisse Range, aber eben auch Spiel­raum. Voraus­set­zung ist, dass das Profil inter­es­sant genug ist.

Ihre für HR-PR zustän­dige Jennifer Buch­holz hat mich ja aufgrund eines Arti­kels in der Internet World Busi­ness kontak­tiert, in dem unter anderem das Unter­nehmen Jimdo vorkam, die einen Ster­ne­koch für ihre Mitar­beiter haben. Was machen Sie gegen solche Konkur­renz?

Hirte: Wir hätten Sie gern in das Koch­werk, unsere Kantine, einge­laden. Unsere Küche ist wirk­lich sehr gut, ausge­wogen, für jeden ist etwas dabei, von vegan bis Curry-Wurst. Wir haben sogar ein Restau­rant, in dem jeder Mitar­beiter speisen kann – zum Beispiel mit Gästen oder mit Kollegen. Und zum Thema Ster­ne­koch sei noch gesagt: Dem steht unser Küchen­chef Ralf Kroschel in nichts nach: Er hat ein mehr­jäh­riges Cross-Trai­­ning für Spit­zen­köche absol­viert, in Fünf-Sterne-Hotels in Peking, Bangkok und St. Peters­burg gear­beitet und war u.a. Sous­chef im Hamburger Golf­hotel Treu­del­berg, Küchen­chef im Ramada Renais­sance Sindel­fingen sowie im Hamburger Kempinski Hotel Atlantic. Darüber hinaus beschäf­tigen wir fünf Küchen­meister mit inter­na­tio­naler Grand-Hotel-Erfah­rung.

Dann gibt es noch ein Fitness­studio…

Hirte: Ja, das kann jeder Mitar­beiter zu sehr güns­tigen Kondi­tionen nutzen – zum Beispiel auch in der Mittags­pause. Das machen viele.  Fitness und Gesund­heit sind uns schon immer sehr wichtig. Deshalb erheben wir zum Beispiel einen Gesund­heits­index, der auf einer alljähr­li­chen Mitar­bei­ter­be­fra­gung beruht. Dieser ermit­telt z.B. auch die Rege­ne­ra­ti­ons­fä­hig­keit von Mitar­bei­tern. Wie ist die Work-Life-Balance? So sehen wir auch, wenn etwas aus der Balance gerät und können handeln.

Und wo wir dabei sind: Was noch fehlt sind Desi­gner­möbel und die Lounge…

Hirte: Wir testen neue Einrich­tungs­kon­zepte, jüngst auf einer Muster­fläche im IT-Bereich. Aber natür­lich sind uns die Hände etwas gebunden. Dies hier ist nun mal unser Gebäude und mit so vielen Mitar­bei­tern haben wir nicht so viele Möglich­keiten. Zum Ausgleich und Austausch gehen wir manchmal in ein Co-Working Office, das beta­haus. Aber zu Otto geht man sicher auch nicht wegen der Möbel.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Erich Feld­meier 5. Juni 2012 at 12:44 — Reply

    Chris­tine Demmer von der SZ mode­riert am 06.04.11 eine Podi­ums­dis­kus­sion zum Thema Talent Manage­ment:
    Es wurde viel über die Gene­ra­tion Y gespro­chen und die sog. Nerds geredet; zu sehen war keiner dieser Exem­plare.
    http://bit.ly/JIzksS

    • Svenja Hofert 5. Juni 2012 at 22:47 — Reply

      Hi Erich, das mag sein, denn sie sind zu beschäf­tigt 😉 LG Svenja

  2. Gerade im Social-Media-Bereich geht die Y‑Generation mit Selbst­ver­ständ­lich­keit davon aus, dass ein Arbeit­geber die Möglich­keit anbietet, flexibel und mobil agieren zu können. Im Hinblick auf den Fach­kräf­te­mangel müssen die Unter­nehmen eine klare und posi­tive Haltung gegen­über den kultu­rellen Verän­de­rungen hinsicht­lich Arbeit und netz­ge­trie­bener Kommu­ni­ka­tion (schnell, gleich­zeitig, perma­nent) entwi­ckeln, um für die jungen Nach­wuchs­kräfte tatsäch­lich attraktiv zu sein.

    • Svenja Hofert 6. Juni 2012 at 15:44 — Reply

      Hallo Frau Dehler, ja, das müssen Sie. Ich glaube viele Unter­nehmen ahnen nicht mal, welche Welle da auf sie zurollt. LG Svenja Hofert

  3. Gilbert 7. Juni 2012 at 23:35 — Reply

    Sehr aufschluss­reich und tröst­lich zu wissen, dass man mit seinen Sorgen nicht allein ist.

  4. […] Eigenes. Aber dann gleich was Großes“, hatte ich zu Chris­tiane Kypke gesagt, die bis dahin als SAP-Bera­­terin zwar genug Joban­ge­bote hatte, aber ihren Gestal­tungs­willen, ihren Ehrgeiz und Quali­täts­an­spruch nicht ausleben konnte. Ein […]

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