Kate­go­rien

Iden­tität und Lebens­ge­stal­tung: Wer bin ich? Was kann ich? Und welcher ist mein Sinn?

Published On: 27. Juli 2018Cate­go­ries: Aktuell

Stellen Sie sich vor, Sie suchen ab sofort keine Antworten mehr, sondern Fragen. Das ist eine gute Idee für jeden von uns. So kommen Sie auf viel bessere Ideen, etwa wenn es darum geht, neue krea­tive Zugänge zu schwie­rigen Heraus­for­de­rungen zu finden. Die Devise “Fragen statt Antworten (Lösungen)” lässt sich auch auf unsere beruf­liche Iden­tität über­tragen. So werden aus Raupen Schmet­ter­linge, denn statt auf das SEIN zu schauen betrachten wir mit Fragen das WERDEN. Und das funk­tio­niert nicht nur im Coaching.

Wenn wir nicht mehr danach suchen, wer wir sind, sondern welche Fragen uns antreiben, erschließen wir uns ganz andere und span­nen­dere Themen. Die Sicht auf Stärken verän­dert sich auch: Wir können uns dann gar nicht mehr statisch und passiv sehen, es kommt auto­ma­tisch Bewe­gung ins Leben.

Iden­tität lässt sich immer weniger ein äußeren Merk­malen fest­ma­chen

Die Frage des Lebens zu finden, kann eine Lebens­auf­gabe sein. Sie ist sehr eng mit unserer Iden­ti­täts­suche verknüpft, die immer komplexer wird. Hier lässt sich das Stacey-Diagramm als Denk­rahmen verwenden. Dieses unter­scheidet die Zustände einfach, kompli­ziert, komplex und chao­tisch. Vor allem der Über­gang von kompli­ziert zu komplex ist für dieses Thema — und nicht nur für dieses — rele­vant. Kurz gesagt: Kompli­ziert ist noch eini­ger­maßen analy­­sier- und bere­chenbar, komplex nicht mehr.

Iden­tität erschien lange Zeit einfach zu bestimmen. Niemand kam auf die Idee, diese mit Persön­lich­keit zu verbinden. Es waren immer äußere Merk­male, die Iden­ti­täts­stifted waren. Bis das Bürgertum das Leis­tungs­pa­ra­digma in unsere west­eu­ro­päi­sche Welt brachte, stand die Iden­tität per Geburt fest und stellte sich an wenigen Merk­malen entlang auf: Man war adlig oder nicht-adlig, römisch-katho­­lisch oder evan­­ge­­lisch-luthe­risch, ein Mann oder eine Frau, Einwohner eines Natio­nal­staates usw.

Kafka: Der Beginn der Tren­nung von Leiden­schaft und Brot­er­werb

Doch mit dem Siegeszug des Bürger­tums und der Aufklä­rung wurde aus der Frage “wer bist du” mehr und mehr ein “was machst du?” Man war jetzt zusätz­lich Ange­hö­riger eines Berufs­stands oder Mitar­beiter einer Firma und hatte Eltern und Geschwister, die auch einem Berufs­stand oder einer Firma ange­hörten. Leiden­schaft? Bist dahin nur wenigen Intel­lek­tu­ellen vorbe­halten. Franz Kafka trennte Leiden­schaft und Brot­er­werb. Er arbei­tete in einer Asse­ku­ranz, vom Schreiben konnte er nicht leben. So ein bürger­li­ches Modell rettete lange die Kultur­in­ter­essen, bis es sich bei einigen änderte in “Leiden­schaft und Brot­er­werb”.

Das einfach Iden­ti­täts­stif­tende wurde damit langsam kompli­zierter und Innen-bezo­­gener. Es entstanden mehr Wahl­mög­lich­keiten. Aber  “wer bist du?” ließ sich immer noch eini­ger­maßen einfach beant­worten mit “was machst du?”  — “ich arbeite als Friseur” oder “ich bin Manager eines Logis­tik­un­ter­neh­mens”.

Was ist dein Beruf? Immer weniger können es beant­worten

Wie schwierig es dann seit den 1990er Jahren wurde, merkte ich als ich in meine Heirats­ur­kunde einen Beruf schreiben sollte. Ich fühlte mich als “so viel”, aber alles was ich rein­schreiben könnte, wurde mir gefühlt nicht gerecht. Am Ende entschied ich mich für Studi­en­ab­schlüsse. Es hinter­ließ jedoch ein Gefühl von “das bist doch nicht du!”

Als Anfang des Jahr­tau­sends viele lang­ge­diente Mitar­beiter ihre Jobs verloren, merkten sie en passent, wie Iden­ti­täts­prä­gend ihr Arbeit­geber und die erreichte Posi­tion war. Ohne diesen im Rücken, fühlten sich viele leer. Da ich viele Jahre im HR-Umfeld auf Outpla­ce­ment spezia­li­siert war, wo ich mich hier beson­ders um Kandi­daten mit unter­neh­me­ri­schen Plänen kümmerte, konnte ich dieses Gefühl beson­ders nah greifen. Ich habe auch mitbe­kommen, wie sich aus dem Gefühl ohne Jobtitel NICHTS mehr zu sein schlei­chend ein neuer Trend entwi­ckelte — Sinn­suche wurde populär.

In jenen Jahren, Anfang der 2000er, entwi­ckelte sich der Wunsch der Folge­ge­nera­tion die eigene Iden­tität nicht mit Beruf und Arbeit­geber zu verknüpfen, sondern mit dem eigenen Lebens­sinn. Dann kann man nicht so viel verlieren. Das Leben ist dann auch weniger fremd­be­stimmt.

Wer einen Sinn hat, dem kann niemand mehr etwas nehmen

“Wer bin ich wirk­lich?” und “was ist mein Sinn?” kamen als Fragen auf, die sich zuvor niemand in dieser Form gestellt hatte. Die neue Gene­ra­tion, Y vor allem, sucht wie keine zuvor nach diesem Sinn. Sie suchte es im Innern, gab sich aber allzuoft noch mit dem Äußeren zufrieden.

Immer weniger iden­ti­fi­zieren sich mit erreichten Posi­tionen, Arbeit­ge­ber­marken oder anderen Kenn­zei­chen äußeren “Ichs”. Die fehlende Bindung hinter­lässt ein Gefühl von Leere, das viele Unter­nehmen mit Worten zu stopfen suchen. Unbe­lastet davon gehen immer mehr auf die Suche nach Ihrer eigenen Persön­lich­keit, manche kommen auf Umwegen dazu — beispiels­weise über die Suche nach einem Thema, das sie inter­es­siert. Sie sind sich oft nicht bewusst, wie sehr das eigene Thema Produkt der eigenen Persön­lich­keit ist. Sie verstehen auch nicht, dass jedes Thema sich an eine Reife­phase bindet. Orien­tie­rungs­lo­sig­keit ist die Folge inneren Chaos. Inneres Chaos entsteht in Umbruch-Zeiten. Im Chaos neigen wir immer dazu, die Dinge EINFACH machen zu wollen, auch wenn sie komplex sind.

“Wer bin ich?” Iden­ti­täts­suche, bei der jeder sich selbst entscheiden kann

“Was sind meine Stärken?” ist eine Frage, die mit der Ich-Suche eng verknüpft ist. Viele hoffen die Lösung in Persön­lich­keits­tests zu finden. Und so ein Test­ergebnis kann zeit­weise auch Antworten geben. Es redu­ziert und trivia­li­siert   auf Dauer aber die Persön­lich­keit. Es verleugnet die Tatsache, dass jeder werden kann, was er sein will.

Wir merken dabei nicht, dass wir unsere Iden­ti­täts­suche aus einem veral­teten Denken, auf Basis zwei­fel­hafter Grund­an­nahmen  gestalten.  Das “wer bin ich?” knüpfen viele wie auto­ma­tisch an ein „was kann ich?“  Die Frage „was kann ich?“ indes war die spezi­fisch Iden­ti­täts­ge­bende für die bishe­rige Leis­tungs­ge­sell­schaft. Wer etwas konnte, brauchte keinen Adels­titel! “Streng dich an, und du kannst es schaffen”, steckt uns noch sehr in den Knochen. Die Frage zeugt vom perma­nenten Mangel mit der Zusatz­frage „bin ich in dem, was ich kann, auch gut genug?“

Eine Antwort kann immer nur vorüber­ge­hend gefunden werden

Die Frage „Wer bin ich?“ ist eine zutiefst emotio­nale. Die Inte­gra­ti­ons­de­batte ist somit auch eine Iden­ti­täts­de­batte. “Wer bin ich, wenn ich keine Heimat mehr habe?” Oder “Wer bin ich mit zwei Natio­na­li­täten?”. Auch Mesut Özil suchte die Antwort im Außen, in den ihm vermit­telten Werten. Er kam nicht auf die Idee, sie in sich selbst zu suchen. Das ist aller­dings auch eine anspruchs­volle Aufgabe, an der nicht nur Millio­näre schei­tern. Es setzt voraus, dass wir uns als Prozess begreifen und nicht als Ergebnis. Es verlangt, dass wir sehen, dass wir das Ergebnis von Sozia­li­sie­rungs­be­mü­hungen sind. Und die Erkenntnis, dass jede Form von Zuschrei­bung verein­facht und eben… oft sogar trivia­li­siert.

Lösung: Suchen Sie nach der Frage Ihres Lebens als Instru­ment zur Selbst­füh­rung

Was aber wäre geeignet, die komplexen Zustände und Verän­de­rungen auf eine ange­mes­sene Weise zu verein­fa­chen? Was könnte dem Leben Rich­tung geben, ohne es fest­schreiben? Je mehr ich mich damit beschäf­tige, und das tue ich nun schon Jahr­zehnte, desto einfa­cher wird meine Lösung. Die Lösung ist die Suche nach der Frage, die uns antreibt. Die uns Energie gibt. Die uns immer wieder neue und andere Kräfte entfalten lässt. Die dafür sorgt, dass ehema­lige Schwä­chen zu Stärken werden, Wir dran­bleiben. Nicht aufgeben. Es können sehr einfache Fragen sein. Meine ist (im Moment) “was kann ich dazu beitragen, damit Menschen das beste aus sich und ihrem Leben machen?” Die Frage war nicht immer so. Als ich jünger war, habe ich mir weniger Fragen gestellt und vor allem andere Antworten gegeben. Wäre ich damals schon auf die Idee zu einer Frage gekommen, wäre diese egois­ti­scher ausge­fallen.

Bei den Menschen, mit denen ich arbeite, erlebe ich, dass Fragen das eigene Denken viel mehr anregen als Antworten. Sie vermeiden dass man im beruf­li­chen Coaching als Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent durch die Tür kommt und wieder heraus­geht — was ich einem Persön­lich­keits­test passieren kann. Sie geben andere und neue Impulse zur Verän­de­rung.

Manch einer kann Fragen als Selbst­füh­rungs­in­stru­ment nicht gut aushalten. Dann ist es viel­leicht noch nicht soweit, sich selbst als Prozess anzu­nehmen. Manch einer kann SEINE Frage auch nicht finden. Dann ist viel­leicht genau das die Frage “welche Frage ist so stark, dass ich mich an ihr ausrichte?”. Oder auch: Was hilft mir, aus meiner Raupe einen Schmet­ter­ling zu machen?

Die Fragen “großer” Persön­lich­keiten:

Viel­leicht regt es Sie an, wenn Sie darüber nach­denken, welchen großen Fragen bekannte Persön­lich­keiten gefolgt sind:

  • Steve Jobs leitete die Frage, wie er die welt­weit inno­va­tivsten, einfachsten und perfek­testen Tech­nik­pro­dukte schaffen könnte.
  • Nelson Mandela leitete die Frage wie er die Apart­heit besiegen könnte.
  • Hannah Arendt leitete die Frage, warum sich gewöhn­liche Leute an den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verbre­chen betei­ligt haben.
  • Carl Gustav Jung leitete die Frage nach den spiri­­tuell-kultu­­rellen Prägungen der Vergan­gen­heit auf die Psyche.
  • Den Psycho­logen Martin Seligman leitet die Frage nach den Faktoren und Bedin­gungen für ein glück­li­ches Leben.

Und welche Frage leitet Sie?

Foto: Roman_vk_photocase.com

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Eva Ihnen­feldt 28. Juli 2018 at 8:55 — Reply

    Mich leitet seit Frage, was sich bei jedem einzelnen Menschen zu erkennen gibt, wenn er sich von allen Fremd-Bestim­­mungen befreit hat. Und an erster Stelle natür­lich bei mir selbst: Wo bin ich ganz ich — und wo falle ich weiterhin auf “Aufge­propftes” herein.

    • Svenja Hofert 31. Juli 2018 at 8:23 — Reply

      Ich fürchte, darauf gibt es keine Antwort, da es ein laufendes Wech­sel­spiel ist. Den Content unserer Zeit werden wir sowieso nie los. Aber meiner Meinung nach ist ein gesunder Punkt dann erreicht, wenn man eine Posi­tion beziehen kann, die auch jenseits der Konven­tionen liegt.

  2. Manuela Sekler 15. November 2018 at 14:31 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    mich leitet — u.a. — diese Frage: Wie lassen sich für jemanden, dessen elemen­taren Bedürf­nisse befrie­digt sind, für ihn wesent­liche (Sinn-)Bedürfnisse erfüllen? Und: Was kann dieser Mensch im Rahmen seiner Möglich­keiten selbst dafür tun?

    Beste Grüße
    Manuela Sekler

  3. […] Fragen und Iden­tität habe ich hier schon einmal […]

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