Kate­go­rien

Inter­view: „Das geän­derte Rollen­ver­ständnis ist eine große Entlas­tung für die Männer“

Published On: 4. April 2012Cate­go­ries: Führung, Karriere

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Frauen nutzen die Eltern­zeit oft für eine Neuori­en­tie­rung und als Chance. Männer sorgen derweil fürs Geld. Ihre Möglich­keiten, eigene beruf­liche Träume zu reali­sieren, bleiben eng begrenzt. Ist das nicht unge­recht? Darüber veröf­fent­lichte ich Sonntag einen viel beach­teten Artikel und sprach in der Folge mit Hans-Georg Nelles vom Väter-Blog.

Herr  Nelles, finden Sie nicht auch, dass Männer manchmal ganz schön benach­tei­ligt werden?

Nelles: Durchaus. Jeder hat ein Recht darauf, zufrieden mit seinem Leben zu sein, dazu gehört es auch, auf eine klas­si­sche Karriere verzichten zu dürfen und andere beruf­liche und private Ziele zu verfolgen. Männer können das aufgrund ihrer größeren finan­zi­ellen Verpflich­tungen ihrer Familie gegen­über aber oft nicht in dem Maße wie Frauen.

Bietet das Eltern­geld da nicht eine Chance zum Umdenken?

Nelles: Natür­lich und die Zahlen derje­nigen, die mehr Zeit bean­spru­chen, z.B. 6 Monate, nimmt zu. Das nähert sich langsam, aber sicher einer part­ner­schaft­li­chen Auftei­lung an. Und letzt­end­lich entlastet es beide, auch den Mann.

Trotzdem ist es der Regel­fall, dass der Mann den Groß­teil des Einkom­mens bestreitet…

Nelles: Ja, mit allen damit verbun­denen Folgen, unter anderem dem wach­senden Gehalts­un­ter­schied nach einem und erst recht nach zwei oder drei Kindern. Für Frauen bietet die immer noch häufiger in Anspruch genom­mene Eltern­zeit oft die Chance zur beruf­li­chen Neuori­en­tie­rung und damit zur Selbst­ver­wirk­li­chung.

Kinder­wunsch und Neuori­en­tie­rung hängen meiner Erfah­rung nach ganz eng zusammen. Ich erlebe es, dass  der Wunsch nach Kindern häufig aufkommt, wenn etwas im Beruf nicht mehr stimmt. Diese Unstim­mig­keit erleben Männer und Frauen. Doch Frauen ergreifen dann eher die Gele­gen­heit, ein  Kind zu bekommen. Die anschlie­ßende Neuori­en­tie­rung wird gesell­schaft­lich eher tole­riert.

Nelles: Es wird fast als selbst­ver­ständ­lich hinge­nommen, dass eine Frau kürzer­tritt und sich anschlie­ßend neu orien­tiert. Bei einem Mann eher nicht, obwohl er sich das viel­leicht sogar wünschen würde. Viel­fach kommen die Hinder­nisse auch von den Frauen selbst. Das nennt man das Phänomen des „Gate­kee­pings“: Die Frau sieht zu, den Mann aus ihren ange­stammten Berei­chen heraus­zu­halten. Er soll die Windeln wech­seln, aber verant­wort­lich sein will sie. Obwohl schon 1988 in der „Brigitte“ der „neue Vater“ als Zukunfts­mo­dell der Eltern­schaft beschrieben worden ist, hat er sich immer noch nicht durch­ge­setzt. Die damals beschrie­benen Hinder­nisse, wie z.B. das Ehegat­ten­split­ting bestehen immer noch und es herrscht gerade auch auf Seiten vieler Mütter eine regel­rechte Verhal­tens­starre. Wenn sie zuhause bei dem Kind bleiben wollen und danach eine gering­fü­gige Tätig­keit aufnehmen, welche Chance hat da der Partner eigene Arbeits­zeiten zu redu­zieren?

Siehe Maschmeyer, der zugibt, er habe seine Vero­nika auch wegen seines Geldes gean­gelt.

Nelles: Es gibt immer noch Männer, die sich bei der Wahl der Part­nerin nach unten orien­tieren, die Frau nach oben. Es finden sich zum Beispiel Inge­nieur und Kinder­gärt­nerin, und damit enorme Gehalts­un­ter­schiede . Da ist es für den Mann dann schwierig, mehr als 2 Monate Eltern­zeit in Anspruch zu nehmen. Aber solche Modelle werden seltener.

Die gleich­be­rech­tigten Part­ner­schaften nehmen bei allen Problemen zu. Wie können diese Probleme in einer Part­ner­schaft im Sinne einer gleich­be­rech­tigten Aufga­ben­tei­lung ange­gangen werden?

Es ist ganz wichtig, sich früh­zeitig über die Rollen­auf­tei­lung zu unter­halten, am besten bevor Kinder da sind. Und zwar bis ins Detail. Das darf nicht auf die Zeit nach der Geburt vertagt werden, sondern muss vorher auf den Tisch. Wie die Vertei­lung aussehen soll, muss auch konkret bespro­chen werden, mit genauen Zeiten und prak­ti­schen Lösungen.

Wie war das bei Ihnen und Ihrer Frau?

Meine Frau ist heute Schul­lei­terin. Bei der Geburt unserer ersten Tochter war sie frei­be­ruf­lich tätig und noch ein Tag vor der Geburt beruf­lich tätig. Da kam die Frage „Wann ist es so weit?“ Sie erwi­derte „viel­leicht morgen“. Das traf damals auf ziem­li­ches Unver­ständnis. Ich studierte noch, als die Kinder kamen und und so hatten wir die Möglich­keit uns in unserer beruf­li­chen Entwick­lung gegen­seitig zu unter­stützen und uns bei der Betreuung der Kinder abzu­wech­seln.

Konnten Sie sich als Mann deshalb besser selbst verwirk­li­chen?

Für mich war das genau das rich­tige. Das Erfolgs­re­zept war, dass wir immer Lösungen gesucht und gefunden haben, die das aktu­elle beruf­liche Inter­esse des jewei­ligen Part­ners berück­sich­tigt hat.

Ist es nicht schwer für einen Mann, nicht mehr auf die Ernäh­rer­rolle fest­ge­legt zu sein?

Im Gegen­teil, das ist eine große Erleich­te­rung und Entlas­tung, sich nicht mehr allein um die Finanzen kümmern zu müssen.


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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Thomas Hoch­ge­schurtz 7. April 2012 at 14:50 — Reply

    “Das Erfolgs­re­zept war, dass wir immer Lösungen gesucht und gefunden haben, die das aktu­elle beruf­liche Inter­esse des jewei­ligen Part­ners berück­sich­tigt hat.” (Nelles)
    Die Welt ist doch ganz einfach — man (frau) muss halt zum Äußersten greifen und mitein­ander reden. Egal welche Rahmen­be­digungen.

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