Kate­go­rien

Inter­view: Tieri­scher Mehr­wert – oder: warum immer mehr Unter­nehmen Jobs mit Hund anbieten

Published On: 22. Mai 2012Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Hunde sind wie Kinder – vor allem, wenn man der Karriere wegen auf eigene Kids verzichtet hat, was bei Frauen häufiger vorkommt als bei Männern. Vor allem auch bei Akade­mi­ke­rinnen meiner Gene­ra­tion. Eine viel­be­schäf­tigte und viel­rei­sende Mana­gerin hatte für ihren Hund einen eigenen Baby­sitter enga­giert, der 2000 EUR im Monat verdiente, bei freier Kost und Logis. Das ist etwa der Preis für ein im Hause lebendes Kinder­mäd­chen. Auch Sabine Sinzig arbeitet nicht für die Katz, sondern für den Hund: Ein Grund, sich selbst­ständig zu machen, war ihre Hündin Nyla. Jetzt orga­ni­siert sie via Internet Ferien mit dem Hund – und seit neuestem auch Jobs mit Hund. Die Firma SABRO inse­riert aktuell für einen Buch­halter-Job. Ich sprach mit Sabine über Arbeit­geber, Hunde und ihr Projekt.

Derzeit sucht bei Ihnen eine Firma, die „im Reiter­pa­ra­dies Lüne­burger Heide“ ange­sie­delt ist – und damit nicht gerade Anzugs­punkt für Städter. Ist das ein Schlüssel für die Firmen: Vor allem für jene inter­es­sant, die nicht mit einem tollen Namen und Groß­stadt­luft punkten können?

Sinzig: Auf jeden Fall. In Zeiten des demo­gra­fi­schen Wandels müssen sich vor allem jene Unter­nehmen etwas einfallen lassen, die nicht mit großen Namen und super Sozi­al­leis­tungen punkten können, also kleine und mittel­stän­di­sche – oder auch Firmen jenseits der Städte. Ich bin über­zeugt, dass Hunde­freund­lich­keit für Arbeit­geber im Wett­be­werb um Fach­kräfte ein entschei­dender Vorteil sein wird. Immer mehr Menschen sagen „nicht ohne meinen Hund“. Sie entscheiden sich für oder gegen einen Arbeits­platz aufgrund dieser Frage.

Das kann ich bestä­tigen. Ich hatte in den letzten Jahren einige Hunde­be­sitzer, die erstaun­lich unkom­pli­ziert bei der beruf­li­chen Neuori­en­tie­rung waren. Es gab nämlich eigent­lich nur einen rele­vanten Punkt: der Hund muss mit.

Sinzig: Der eigene Hund ist seinem Herr­chen und Frau­chen einfach extrem wichtig, ich merke das an den Reak­tionen und dem enormen Zuspruch, den ich von Hunde­hal­tern und somit poten­ti­ellen Mitar­bei­tern  bekomme.

Manche meiner Kunden kamen sogar mit ihrem Hund zur Bera­tung – das waren mehr als die, die Kinder mitbrachten. Und während ein Drei­jäh­riger zwei Apfel­saft­gläser vom Tisch putzte, waren die Hunde ganz brav. Gleich ob Mops oder Misch­ling.

Sinzig: Wenn Hunde ausge­lastet und gut erzogen sind, verhalten sie sich in der Regel während der Arbeit ruhig. Für die meisten Hunde­be­sitzer ist es wichtig, ihren Hund an ihrer Seite zu wissen. Oft genügt schon ein Blick­kon­takt oder ein kurzes Strei­cheln. Es ist bewiesen, dass ein Hund posi­tive Auswir­kungen auf die Gesund­heit und auch auf die Arbeits­mo­ti­va­tion hat.

Doch so leicht ist das oft nicht, viele Arbeit­geber akzep­tieren keine Hunde.

Sinzig: Viele trauen sich auch erst gar nicht zu fragen, ob sie den Hund mitbringen dürfen. Somit landen leider viele Tiere aufgrund von Zeit­mangel im Tier­heim. In vielen Unter­nehmen und Büros ist die Mitnahme eines Hundes oft viel unkom­pli­zierter als man denkt, von daher sollten meines Erach­tens die Firmen es zumin­dest auf einen Versuch ankommen lassen.

Würden Sie denn Hunde in der schrift­li­chen Bewer­bung nennen? So wie es manche bei den Kindern machen – so etwa „Hunde: 1 Rüde (5 Jahre)“.

Sinzig: Nein, das ist so wie mit den Kindern. Besser nicht erwähnen. In einer schrift­li­chen Bewer­bung sollte es erst mal um fach­liche Eignung gehen. Der Hund ist Thema für die Vertrags­ver­hand­lungen.

Das sehe ich auch so. Selbst wenn bei Kununu.com steht „Hunde erlaubt“ würde ich das Thema erst erst in der 2. Runde des Vorstel­lungs­ge­sprächs anbringen. Wie ist es denn mit Jobs, in denen es auf Sauber­keit ankommt.

Sinzig: In Laboren etwa können Sie nicht so einfach einen Hund mitbringen, und natür­lich ist er auch in einer Küche nicht erlaubt – schon aus Hygie­ne­gründen. Es gibt aber trotzdem Lösungen. Mir ist eine Medi­zin­tech­nik­firma bekannt, die auf ihrem Gelände eine sehr große Hütte für die Hunde gebaut hat und das Gründ­stück einge­zäunt ist. Da sind die Tiere wenigs­tens in der Nähe. Und mittags können Herr­chen und Frau­chen mit ihrem Hund oder auch in der Gruppe eine Runde drehen. Eine gemein­same Gassi­runde fördert darüber hinaus auch den Zusam­men­halt unter den Kollegen.

Was mache ich eigent­lich, wenn ein Mitar­beiter ein kleines Hünd­chen hat, sagen wir einen Malteser, und der andere eine Bull­dogge?

Sinzig: Natür­lich müssen die Tiere harmo­nieren. Wenn das nicht passt, müssen Arbeit­geber und Mitar­beiter eine gemein­same Lösung finden. Zur Not kommen die Hunde im Wechsel mit ins Büro – und parken ihn in der rest­li­chen Zeit bei Familie oder Bekannten oder nutzen unseren neu inte­grierten Bereich der Hunde­be­treuung.

Ich habe eine Hunde­haar­all­ergie, nicht sehr stark, aber bei zu viel Hund tränen die Augen. Was tun, wenn ich in meiner Firma so jemanden habe wie mich und meinen Hund mitbringen möchte?

Sinzig: Dann hilft alles nichts: Dann muss der Hund zu Hause bleiben. Bevor er deshalb aber im Tier­heim landet oder einsam die Türen zerkratzt, empfehle ich einen Dogsitter. Davon gibt es immer mehr. Einige gehen mit den Tieren aus, andere kommen nach Hause.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. […] ist eine weitere Ausprä­gung grünen Denkens. Da ist ein Kind zuhause, ein Pferd, ein Hund, ein soziales Netz, all das ist wich­tiger ist als die Karriere (die im klas­si­schen Schorn­stein-Sinn […]

  2. Tom 14. Oktober 2012 at 0:39 — Reply

    Wir stellen in unserer Praxis immer mehr fest das vor allem Selbst­stän­dige wie Steu­er­be­rater, Rechts­an­wälte, Berater und weitere Dienst­leister ihren Hund auch zur Arbeit mit nehmen.

    Bei Ange­stellten gibt es oft Haus­ord­nungen, oder auch die Proble­matik der Gleich­be­rech­ti­gung in großen Firmen (Wieso darf der und ich nicht) die das derzeit noch verhin­dern.

    Selbst­stän­dige sind hier einfach flexi­bler. Bestimmte Bran­chen haben den gesund­heits­för­dernden Aspekt erfolg­reich aufge­griffen und inte­grieren Hunde oftmals im Büro­be­reich.

    In der Alten­pflege nutzen Pfle­ge­leiter eben­falls ihre eigenen Hunde als Thera­pie­hunde. Für diesen Bereich gibt es bereits auch spezi­elle Ausbil­dungen damit der Hund und sein Halter nicht über­for­dert werden.

    Mein Hund ist norma­ler­weise immer mit dabei — falls ein Kunde natür­lich aller­gisch ist oder Angst vor Hunden hat bleibt er zu Hause.

    Tom

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