Kate­go­rien

Karriere mit Baby­bauch: Wie sehr Vorbild ist Marissa Mayer?

Published On: 27. Juli 2012Cate­go­ries: Karriere

© lasse­de­si­gnen — Fotolia.com

Marissa Mayer scheint ein Vorbild für viele zu sein: Sie macht gerade einen riesigen Karrie­re­sprung von Google zu Yahoo und bekommt in 10 Wochen ihr Baby. Bis dahin soll sie noch mal schnell eine Vision für das gebeu­telte Unter­nehmen entwi­ckeln und präsen­tieren. Kein Mensch redet derzeit darüber, dass allein das schon fast unmög­lich ist, da Yahoo nun mal keinerlei Allein­stel­lung hat und eigent­lich über­flüssig ist.

Alle Welt bewun­dert die erste Frau welt­weit, die hoch­schwanger und vor Medi­en­ku­lissen einen Top-Job ange­boten bekam – und diesen auch noch annahm. „Marissa Meyer ist ein Mann“, lese ich gestern im Portrait dieser Dame im Stern – und wundere mich, dass man solche Worte… einen Mann schreiben lässt. Ist eine Frau, die nicht so sehr an die Ausstat­tung des Kinder­zim­mers denkt als viel­mehr an ein Unter­nehmen und ihren Job, auto­ma­tisch ein Mann?  Das ist nicht nur eine reich­lich macho­hafte Sicht der Dinge, sondern einfach falsch, denn es geht hier nicht um Mann oder Frau.

Mayer hätte im Reiss-Profil bei der Moti­vaton „Familie“ vermut­lich eher nied­rige Punkt­zahlen. Das ist für eine Frau nicht unge­wöhn­lich: Wenn man mal gesell­schaft­liche Zwänge ausklam­mert, setzen aus meiner Sicht genauso viele Männer wie Frauen und selbst Frauen mit Kindern ihre Lebens-Prio­­ri­­täten nicht bei der Familie. Solche Frauen denken nicht so intensiv an den Nach­wuchs und sie haben den Glau­bens­satz „es tut dem Kind doch gut, wenn die Mama nicht nur Windeln im Kopf hat“. Sie sind Prot­ago­nis­tinnen der quali­ta­tiven Zeit­mo­dells (besser eine halbe Stunde am Tag, aber dann richtig). Dieser Glau­bens­satz ist ein Glau­bens­satz, und deshalb genauso wenig wahr wie falsch. Die eine denkt so, die andere so, fragt sich manchmal nur, woher der Glaube kommt.

Ich habe einige Dramen erlebt mit Karrie­re­frauen und deren Schwan­ger­schaften. Die, mit denen ich zu tun hatte, waren keine millio­nen­schweren Top-Kaliber, sondern verdienten gut, aber nicht gut genug für eine Armada von Dienst­per­sonal. Die aber braucht man, wenn man beruf­lich etwas machen möchte, was nicht „low“ ist und das sind immer Jobs, die sich nicht über­wie­gend im Home Office ausüben lassen. An die Armada ist einiges gekop­pelt: eine Villa mit ausrei­chend vielen Zimmern etwa, damit die Kinder­mäd­chen auch abends bleiben können. Will­kommen bei den oberen Zehn­tau­send. Vor diesem Hinter­grund entscheidet man sich dann eben doch gern für den Job als Controller in Teil­zeit, der einem statt der Vertriebs­lei­tung offe­riert wird.

Selbst wenn die Durch­schnitts­kar­rie­re­frau einen nicht-karrie­­re­af­­finen Mann hat, wird sie echte Top-Jobs nicht oder nur mit Anstren­gung ausüben können. Ich erin­nere mich nicht gern an mein zeterndes Kind, wenn ich es dann doch mal im hinteren Raum unter­bringen musste, weil der Partner nicht konnte, die Oma auch nicht und der Termin sich so kurz­fristig nicht verschieben ließ. Die Schweiß­tropfen, die mir über die Stirn perlten (akzep­tiert er nun die Eisen­bahn? Wie lange geht es ohne Schreien und andere Dramen?) verschwanden hinter dicken Puder­schichten. Die innere Anspan­nung, die den Mythos zufrie­dene Karrie­re­frau und Mutter, kräftig entzau­bern würde, merkt einem keiner an.

Und ich… bin selbst­ständig, genieße maxi­male Flexi­bi­lität, habe reise­inten­sive Tätig­keiten weit­ge­hend dran gegeben. Aber ich bin auch profes­sio­nell, nie würde ich fünf Minuten vorher Termine absagen, über meine fami­liäre Belas­tung vor Kunden jammern und offen zeigen, dass mich etwas über­for­dert. In jeder Situa­tion die Conten­ance bewahren, nur so kommt man weiter… Aber so leicht wie es scheint, ist das wirk­lich nicht. Andere Frauen, die ich kenne und die ähnlich arbeiten wie ich, zum Bespiel als Trai­nerin oder Inha­berin eines kleinen Unter­neh­mens, haben es oft, wohl nicht ohne Grund und oft trotz enga­giertem Partner, bei einem Kind belassen. Vernunft­ent­schei­dung.

Ich habe einige Dramen erlebt mit Karrie­re­frauen, die ein Kind bekamen und die schnell wieder arbeiten wollten, wie Meyer. Ihnen wurden Projekte entzogen, sie wurden herab­ge­stuft, sie standen vor dem Karriere-Aus. Andere schafften es, die Stel­lung zu halten, suchten verzwei­felt nach einer Betreuung, die die kranke Oma ersetzt.  Nicht jeder kann wie meine Mitar­bei­terin es heute nach­mittag tun wird, drei Kinder mit ins Büro mitnehmen. Ich weiß, dass man nicht entspannt ist im Meeting, wenn man ein lautes Krei­schen, stilles Wimmern oder auch nur einfach nichts hört aus dem Zimmer, in dem die Kleinen mit Spiel­zeug, Büchern oder dem Computer ruhig gestellt worden sind.

Mayer hat für solche Fälle ihr Personal. Sie ist kein Mann oder wie ein Mann. Sie ist einfach jemand mit Geld. Und deshalb ist sie kein Vorbild, genauso wenig wie Madonna und Heidi Klum.

PS: Vor einiger Zeit hatte ich mit der Tochter einer Frau zu tun, die aufgrund ihrer Berufs­bio­grafie einen Wikpedia-Eintrag hat, der weit mehr als eine Bild­schirm­seite umfasste. Was wollte die Tochter einer echten Karrie­re­frau? Einfach Zeit für die Familie. Bloß keine Karriere.

Foto: Fotolia.de

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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8 Kommen­tare

  1. Lars Lorber 27. Juli 2012 at 12:44 — Reply

    Schöner Artikel, inter­es­sante Einsichten.

    Marissa Mayer schreibt man aller­dings mit “a”, nicht mit “e” 😉

    Ich arbeite mit einem Blogger-Kollegen zusammen gerade an einem Artikel über bekannte Nerd-Frauen (die Suche gestaltet sich schwierig, denn beson­ders viele gibt es davon nicht), in dem wird Frau Mayer even­tuell auch einen Auftritt bekommen.

    • Svenja Hofert 27. Juli 2012 at 12:50 — Reply

      danke für den Hinweis, schon korri­giert.… Anke Domscheit-Berg drin? Aber sind das wirk­lich Nerds, oder doch nicht eher Manager? LG SH

      • Lars Lorber 27. Juli 2012 at 13:32 — Reply

        Ja, eher halbe Nerds. Rich­tige weib­liche Nerds gibt es nur eine Hand­voll, z.B. in der Gaming-Branche oder Prog­ra­mie­re­rinnen. Marissa Mayer hat immerhin einen Abschluss in Compu­ter­wis­sen­schaften Fach­be­reich künst­liche Intel­li­genz und war bei Google an einigen Entwick­lungen betei­ligt.

  2. […] Svenja Hofert: Karriere mit Baby­bauch: Wie sehr Vorbild ist Marissa Mayer? […]

  3. Anke Lehmann 1. August 2012 at 11:26 — Reply

    Danke für den inter­es­santen Artikel — ist es nicht hier wie so oft mit “Neue­rungen” in Gender­fragen: erstmal muss über­zogen in die Rich­tung gegangen werden, die ange­strebt werden soll? Kamp­femanzen aus den 70er und 80er Jahren haben für uns Frauen schließ­lich auch eine Menge verän­dert, heute schauen wir eher abschätzig darauf zurück und werten das Verhalten als “über­trieben”. Ja, das ist es aus heutiger Sicht — aber ohne das wäre womög­lich die Frau mit der Heirat immer noch Eigentum des Ehemannes und dürfte kein eigenes Konto haben, geschweige denn arbeiten…? Heute gar nicht mehr vorstellbar! Dafür ist es auch immer noch nicht vorstellbar, dass Frauen mit Klein­kin­dern arbeiten, und zwar wert­schöp­fend und kreativ. Also braucht’s viel­leicht ein paar Frauen, die sehr aggressiv ihre Karrie­re­vor­stel­lungen durch­ziehen, damit in viel­leicht 20 Jahren die Frauen in der Gesamt­heit davon profi­tieren können. Das provo­ziert erstmal, durchaus (auch wenn Frau Mayer den finan­zi­ellen Back­ground hat). Aber nur so veran­kert sich doch auch bei Arbeit­ge­bern der Gedanke, dass Mütter produk­tive Arbeits­kräfte mit viel Know-how sind und nicht eine Belas­tung für das Unter­nehmen. Das wäre zumin­dest mal zu hoffen! Damit es uns nicht weiter die Schweiß­perlen auf die Stirn treibt, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen…

  4. Gilbert 2. August 2012 at 15:44 — Reply

    Mayer ist defi­nitiv Nerd, das wird auch ihre Heraus­for­de­rung als Yahoo! CEO. Ähnlich stößt mir Sheryl Sand­berg als Beispiel auf… (siehe Link oben hinter meinem Namen). Lars: Sand­berg ist übri­gens auch eine jener “toughen” Busi­ness Mana­ge­rinnen, die sich in der Nerd-Kultur defi­nitiv erfolg­reich bewegen, ohne selbst Über-Nerd zu sein. Sie war um 2006 meine “Abtei­lungs­lei­terin” (Vice Presi­dent of Global Online Sales & Opera­tions) und hat sich damals immer schon als femi­nis­ti­sches Beispiel präsen­tiert. So nach dem Motto: Ihr könnt’s doch alle schaffen. Da gab’s lustige Situa­tionen, wenn man von diesen Ivy-League-Kollegen auf seinen “Back­ground” ange­spro­chen wurde: “Du warst doch sicher auch im Montessori Kinder­garten, oder?” Erst kurzes Schweigen, dann Ich: “Nee, ich war in einem kommu­nis­ti­schen Kinder­garten.” Dann ganz langes allsei­tiges Schweigen. In Kurz: Back­ground und Begleit­um­stände (Geld) spielt eine große Rolle und wird in solchen Beispiel­si­tua­tionen regel­mäßig vernach­läs­sigt und von den Betei­ligten selbst ausge­blendet. In der ameri­ka­ni­schen Kultur auch verständ­lich, denn jeder kann vom Teller­wä­scher zum Millionär werden (natür­lich nicht).

  5. Chris­tina Glaser 3. August 2012 at 9:44 — Reply

    Viel­leicht liegt es aber auch daran, dass in den USA fast alle Frauen nach ca. 3–6 Monaten an ihren Arbeits­platz zurück­kehren. Egal ob als Ange­stellte oder Manager gerade im IT-Bereich und nicht in Teil­zeit, wie hier üblich. Aber es ist einfa­cher Betreu­ungs­plätze bzw. Nannys zu finden und auch bezahlen zu können.

    Ich bewun­dere Frauen wie Marissa Mayer, die sich der doppelten Heraus­for­de­rung stellen, ein Unter­nehmen umzu­krem­peln und auf Kurs zu bringen und gleich­zeitig eine Familie gründen. Dazu gehört viel Energie und Orga­ni­sa­tion. Würde nicht sagen, dass sie das zu einem Mann macht. In Deutsch­land spaltet sich das Rollen­clique: entweder Karrie­re­frau und Haus­frau. In wenigen Fällen gibt es eine gelun­gene Kombi­na­tion. Schade! Als Bewer­bungs­trai­nerin sehe ich es als Berei­che­rung, neben den Kindern zu arbeiten. Das tut der Entwick­lung und Selbst­stän­dig­keit des Nach­wu­ches gut und läßt das Poten­zial der Mutter nicht brach­liegen.

  6. Enrico Brie­gert 6. August 2012 at 5:58 — Reply

    Vor allem hat Yahoo unwahr­schein­lich viel Aufmerk­sam­keit bekommen. Diese Medi­en­prä­senz wäre als Werbe­kam­pagne für Yahoo vermut­lich kaum finan­ziell zu stemmen gewesen ;-).

    Übri­gens Ines Imdahl schreibt heute im Handels­blatt: “Deshalb wünsche ich mir alsbald die folgende Schlag­zeile: Werdender Vater über­nimmt Vorstands­vor­sitz einer deut­schen Bank!”

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