Kate­go­rien

(M)Ein Plädoyer für mehr Haltung im Coaching

Published On: 24. Juni 2017Cate­go­ries: Coaching

Haben Sie Haltung? Ich meine Haltung, nicht Meinung. Das wird oft verwech­selt. Haltung ist für mich wie das Rück­grat. Sie richtet einen aus. Sie bestimmt, wie wir etwas bewerten. Sie hat also mit Werten zu tun – klar: be-werten. Doch beim Begriff Werte reagiere ich in letzter Zeit immer öfter aller­gisch, da ich allge­meinen Wertemiss­brauch erkenne. In Unter­nehmen werden Werte runter­ge­betet, doch nicht gelebt. Menschen behaupten Werte zu haben, die sich in ihrem Verhalten aber nicht spie­geln.  Ich vermute, es liegt genau daran: Es gibt zu wenig Haltung. Die Leute gehen krumm.

Was ist Haltung?

Ja, was? Diese Woche war ich auf einer span­nenden Veran­stal­tung zu diesem Thema, orga­ni­siert von Sascha Adam – ein tolles Format. Es waren sechs verschie­dene Redner da, darunter Katja Suding und Chris­tian Benne­feld von Etra­cker, der nun Eblo­cker gegründet hat – also sowas wie die Anti­these seiner ersten Geschäfts­idee. Das ist mal ne Haltung. Eine die, sagt er, damit zu tun hat, dass er sich die Privat­sphäre nicht abgoo­geln lässt. Und sich das für andere auch nicht wünscht.

Bei fast allen Rednern kam raus, was Haltung eigent­lich ausmacht: Die Ablei­tung eigenen Denkens und Handelns auf der Basis von Grund­an­nahmen über die Welt, Bildung, das Leben, die Menschen usw. Wer Haltung zeigt, hat immer solche Grund­an­nahmen. Und: Er hat Prin­zi­pien, die sich aus den Grund­an­nahmen ableiten und Werte konkre­ti­sieren. In unseren Ausbil­dungen erkläre ich Werte als Rich­tungs­wei­send für Hand­lungs­im­pulse. Nehmen wir das Kolumnen-Thema von letzter Woche, die Selbst­füh­rung, dann können Werte also führen. Sie bestimmen die Rich­tung von Bewe­gung, auch wenn keiner da ist, der das kontrol­liert. Das sagt eine Menge aus über Führung ohne formale Führung.

Haltung braucht Grund­an­nahmen

Werte, das ist mein persön­li­ches Fazit aus der Arbeit mit vielen unter­schied­li­chen Menschen und Firmen, funk­tio­nieren nicht ohne Grund­an­nahmen. Das erklärt auch, warum einer der Vorträge auch Haltung und Meinung durch­ein­ander wirbelte. Es fehlte einfach die Grund­an­nahme. Eine Grund­an­nahme ist für mich sowas wie ein Basis­ver­ständnis von der Welt, eine Art Ur-Inter­pre­­ta­­tion des SEINS. Meinung allein ist ein ziem­lich wack­liges Konstrukt. Meinung sagt nichts, außer dass jemand eine hat. Worauf sie basiert? Es können auch alter­na­tive Fakten sein. Es kann auch sture Recht­ha­berei sein. Dann ist es keine Haltung.

Fehlende Grund­an­nahmen

Ich beob­achte leider immer öfter fehlende Grund­an­nahmen in meiner Branche. Das beun­ru­higt mich, denn es macht die Menschen anfällig. Sie lassen sich Dinge aufschwatzen. Sie diffe­ren­zieren nicht oder zu wenig. Sie können sich auch keine eigene Meinung bilden. Wie ich es drehe und wende, es ist immer die Grund­an­nahme, die fehlt. Simples Beispiel: Im Moment werde ich mit unglaub­lich vielen Mails von Reiss, Luxx und wie sie alle heißen bombar­diert. Ich nehme wahr: Da balgen sich eine Reihe von Leuten um den lukra­tiven Markt­an­teil der Reiss Profile. Ich habe mit einigen Kollegen gespro­chen, die auf Veran­stal­tungen dieser Moti­v­­profil-Prot­a­go­­nisten waren. Und ich höre heraus, dass dort ein gewisser Club­cha­rakter erzeugt wird: “Bei uns gehört du dazu. Wir machen ganz viel. Wir wollen dich binden.” Welche Haltung steht dahinter? Ist es eine Haltung?

Es geht ja nicht um Sonnen­ur­laub, sondern um ein Produkt, das Menschen erheb­lich beein­flussen kann, gerade insta­bile Menschen. Wenn Coaches sich an Zuge­hö­rig­keit zu irgend­wel­chen Clubs ausrichten, dann verlieren sie ihre Unab­hän­gig­keit. Sie sehen nicht mehr, dass n=1001 immer noch eine verdammte kleine Fall­zahl ist. Sie werden Argu­mente finden, immer — aber Haltung? Mögli­cher­weise verkaufen sie jedem das gleiche, irgend­wann nicht mehr nur um Geld zu verdienen, sondern weil man Teil einer Gemein­schaft ist. Das eigene Produkt wird auch als wahr und richtig darge­stellt, man ist ja mit Argu­menten gefüt­tert worden, weniger mit Infor­ma­tionen zur Haltungs­bil­dung. Richtig-Falsch-Denken ist dem Job des Bera­ters nicht ange­messen, jeden­falls nicht wenn keine echte Haltung zu einem Richtig oder Falsch, gut/weniger gut oder allge­mein zu einer Bewer­tung führt.

Dieses Richtig-Falsch-Denken scheint extrem verbreitet. Eine Ablei­tung daraus ist das “du bist wie du bist-Denken”, also das fixed mindset-Thema. Bei denen die mit rot, grün, gelb, blau agieren, ihr wisst was ich meine, ist das sozu­sagen Stan­dard. Inso­fern hängt Haltung auch mit dem Mind-Set zusammen, also der Einstel­lung des Denkens, der Logik, mit der man etwas wahr­nimmt oder ausblendet, sieht oder nicht sieht und natür­lich auch analy­siert, inter­pre­tiert und bewertet.

Meins ist richtig, deins falsch oder nicht ganz richtig, ist sehr verbreitet. Mir begeg­nete jemand, der irgend­eine Ausbil­dung macht, wo es um das derzeit total tren­dige Ahnen-Thema geht. Da wird dann sugge­riert, man müsse sich mit seinen Ahnen aussöhnen, erst dann käme man in Balance. Das erin­nert mich an die 1980er. Da haben wir Wände ange­schrien, für die innere Frei­heit und fami­liären Ballast loszu­werden, dieses Urschrei-Ding. Stellte sich als heilsam für den Moment, aber wissen­schaft­lich gesehen entsetz­li­cher Bull­shit heraus. Ob Urschrei, Ahnen oder was-auch-immer: Man muss sich mit niemand aussöhnen, und man muss sich damit auch nicht beschäf­tigen. Viele Wege führen zum eigenen Rom, alle zu seiner Zeit. Aber niemand hat einen gepachtet. Auch die Wissen­schaft nicht. Die Praxis nicht. Der Zen-Buddhismus. Die alten Grie­chen. Egal. Deshalb bliebe ich auch bei n=7.000 kritisch.

Ein paar Grund­an­nahmen

Und damit kommen wir zu meinen Grund­an­nahmen: Ich bin über­zeugt, dass wir uns am Menschen ausrichten müssen, dem wir dienen. Niemals an einem Tool. Ich bin sicher, dass es unend­lich viele mögliche Zugänge zum selben Thema gibt und manch einer passt in einer bestimmten Situa­tion besser zu einem Klienten als ein anderer. Hier mode­rie­rende Entschei­dungs­hilfe zu bieten, das sehe ich als eigent­liche Aufgabe von Coachs und nicht die „das-gleiche-Tool-für-alle“-Brechstange.

Ich bin sicher, dass EIN Weg zum Verständnis der Welt über die Kenntnis zugrunde liegender Theo­rien und Praxis­er­fah­rung zugleich führt – das könnte man Bildung nennen. Dazu zählt die Pflicht, eigene Annahmen immer mal wieder zu aktua­li­sieren, ein Update aufzu­spielen. So gehört zu dieser Grund­an­nahme, dass diese niemals in Stein gemei­ßelt ist. Ein „früher habe ich das so gesehen und heute ist etwas Entschei­dendes dazu­ge­kommen“ ist eine Aussage, die von Stärke zeugt und nicht von Schwäche.

Wie sehen Sie das? Haben Sie Haltung? Was ist Haltung für Sie?

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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8 Kommen­tare

  1. Barbara Mussil 29. Juni 2017 at 14:40 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofert!
    Ihre Kolumne zu lesen bereitet mir immer Vergnügen.
    Ich finde Ihre Ausfüh­rungen zu „Haltung & Meinung“ sehr tref­fend. Ob ich selbst eine Meinung in einer Sache habe, oder Gesagtes & Hand­lungen Ausdruck meiner Haltung sind, erkenne ich übri­gens für mich beson­ders rasch bei der „Erzie­hungs­ar­beit“ an meinem Kind ( 7 Jahre) …. gewisse Themen und Anliegen kann ich nur glaub­würdig vermit­teln und ggf. nach­haltig durch­setzen, weil ich sie verin­ner­licht habe ???? .
    Noch einen schönen Tag & ich freue mich auf Ihren nächsten Beitrag.
    Mit besten Grüßen,
    Barbara Mussil

  2. Sandro Wicht 2. Juli 2017 at 14:36 — Reply

    Liebe Frau Hofert

    Für ihre Beitrag ein Danke.

    Wenn ich einen kleinen Wunsch frei haben würde, wollte ich mir gern ein klein wenig mehr Augehöhe wünschen. Lesen tue ich gern weiter.

    Danke und Grüsse
    S Wicht

    • Svenja Hofert 2. Juli 2017 at 18:49 — Reply

      Sie haben einen Wunsch frei, wenn Sie das mit der Augen­höhe konkre­ti­sieren würden, damit ich verstehe, was Sie meinen. herziche Grüße Svenja Hofert

  3. Hubert Schlip­fen­ba­cher 2. Juli 2017 at 14:46 — Reply

    Trifft..leider genau.
    Warum habe ich immer öfter das Gefühl, dass die Leute, die einen solchen Artikel lesen sollten..genau dies nicht tun.
    Bewusst ?
    Trotzdem weiter so, UND..ansprechen wenn sich die Gele­gen­heit ergibt.
    Gruß
    Schlip­fen­ba­cher

  4. Thomas Wrage 23. Juli 2017 at 16:10 — Reply

    Span­nender Artikel. Gefällt mir diese Einstel­lung. Genau dies ist es was das agile Mindset ausmacht. Agilität basiert auf einem posi­tiven Menschen­bild. Genau dies macht es aber so schwer anderen Menschen Agilität näher zu bringen. Das Arbeiten nach Scrum verän­dert eben nicht den Menschen — erst die Refle­xion und letzt­lich die Verän­de­rung der eigen Sichten (auf Welt, Unter­nehmen, Führung etc.) kann dies errei­chen

  5. Maik Rieß 9. August 2018 at 8:42 — Reply

    Guten Morgen,
    ich lese erst heute diesen Blog­ar­tikel, da ich plane Führungs­kräften das Thema Coaching etwas näher zu bringen und da auf jeden Fall zentral auf das Thema Haltung stoße. Tja, was ist Haltung aus meiner Sicht? Grund­an­nahmen trifft es schon gut, da bin ich absolut bei Ihnen.
    Viel­leicht auch so etwas wie ein innerer Filter. Glau­bens­sätze, auf deren Basis ich mir eine Meinung bilde. Ein Kompass, anhand dessen ich Situa­tionen beur­teile. Und diesen Kompass muss ich immer wieder hinter­fragen und neu justieren. Ich kann nicht davon ausgehen, dass er mir immer die rich­tige Rich­tung weist. Er muss sich entwi­ckeln.

    Beste Grüße
    Maik Rieß

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