Kate­go­rien

Nichts geht mehr … aber so geht es auch nicht

Published On: 29. Oktober 2011Cate­go­ries: Führung

„Meine Mutter hat jede Woche einen Burn-Out“ sagte neulich ein Teil­nehmer in einem Zeit­­ma­­na­ge­­ment-Work­­shop. Was mich zum Schmun­zeln brachte, war für viele Work­­shop-Teil­­nehmer eher erschre­ckend. Und das erschreckte mich.

Kaba­rett­reife

Das Thema Burn-Out hat es jetzt schon zur Kaba­rett­reife gebracht: die Oktober-Sendung „Neues aus der Anstalt“ nahmen Urban Priol und Erwin Pelzig zum Anlass, ausgiebig über den andau­ernden realen oder gefühlten Erschöp­fungs­zu­stand der Nation, speziell ihrer Poli­tiker und Promi­nenten, zu räso­nieren.  Im Kaba­rett thema­ti­sieren kann man nur Dinge, die allge­mein bekannt sind und zu denen jeder eine Meinung hat – sonst lacht niemand. Das Publikum von Priol und Co. amüsierte sich prächtig. Ein Zeichen dafür, dass Burn-Out mitt­ler­weile längst Bestand­teil des (un)gesunden Halb-Wissens geworden ist.

Mode­be­griff

Proble­ma­tisch ist, dass durch den allzu saloppen Umgang mit dem Begriff leider viel Schaden ange­richtet wird. Im (un)gesunden Halb­wissen wird nicht unter­schieden zwischen körper­li­chen und seeli­schen Erschöp­fungs­zu­ständen, die tatsäch­lich auf einer klini­schen Diagnose beruhen und einer Therapie bedürfen – und leich­teren Formen von Müdig­keit oder dem Gefühl, am Arbeits­platz aus unter­schied­li­chen Gründen momentan nicht leis­tungs­fähig zu sein. Im extremsten Fall hat man dann „jede Woche einen Burn-Out“.

Begriffe soll  man nicht gedan­kenlos verwenden, bis sie sinn­ent­leert sind. Das ist zum Beispiel so geschehen beim Begriff Allergie (Aller­gien können klinisch nach­ge­wiesen werden — einzelne Lebens­mit­tel­un­ver­träg­lich­keiten zum Beispiel sind jedoch keine Aller­gien) oder auch beim Begriff der Team­ar­beit (da werden 12 in ein Büro gepferchte Call-Center-Agenten  oder 3 Studie­rende, die ein Kurz­re­ferat ausar­beiten,  als Teams bezeichnet).

Der Begriff Burn-Out sollte nur bei entspre­chend vorlie­gender klini­scher Diagnose verwendet werden.

Must-have

In den Medien wird — reiße­risch oder mit betrof­fener Haltung — über Fußball­trainer und andere Promi­nente berichtet, die Burn-Out haben. Augen­schein­lich alle­samt flei­ßige und gesell­schaft­lich bedeu­tende Menschen. Das impli­ziert den Schluss: wer Burn-Out hat ist ein produk­tiver Arbeiter und ein wert­volles Mitglied der Gesell­schaft.

Letzte Woche habe ich in der Stra­ßen­bahn ein Gespräch zwischen zwei Teen­agern belauscht. Eine Person namens Anna-Lena sollte Burn-Out haben. Ich dachte natür­lich an die Lehrerin der Mädchen – es stellte sich aber heraus, dass es die mal gerade 15jährige Freundin war. Die Mädchen diagnos­ti­zierten in den nächsten 5 Minuten nicht nur bei sich selbst Burn-Out-Symptome sondern auch noch bei zwei weiteren guten Freun­dinnen, während die weniger beliebten Klas­sen­mit­glieder burn-out-frei waren. Sicht­lich gestärkt durch dieses „Ich-hab-Burn-Out-Gefühl“ verließen sie die Stra­ßen­bahn.

Gesunde Selbst-Einschä­t­­zung und Bera­tung

Wer eine Woche durch­ge­ar­beitet hat – viel­leicht auch noch körper­lich – darf ruhig mal müde sein.

Wer um 22:00 ins Bett geht und um 5:00 morgens aufwacht hat vermut­lich keine Schlaf­stö­rungen sondern ist nach 7 Stunden Schlaf einfach ausge­schlafen. Wer mit Mehr­fach­be­las­tungen zu tun hat sucht natür­lich Ruhe und Erho­lung.  Das ist normal.

Es gibt Menschen, die nie im Leben das klini­sche Bild von Burn-Out erleiden werden – und andere, bei denen die Wahr­schein­lich­keit, dass es passiert, hoch ist. Denn bei der Entste­hung von Burn-Out spielen die Art des Umgangs mit Belas­tungen sowie Persön­lich­keits­aspekte (ener­gie­ver­schlei­ßende Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien usw.) eine große Rolle. Das kann man aber heraus­finden, bevor es zu spät ist. Dabei nützt den Betrof­fenen ein ganz­heit­li­cher Ansatz (weshalb wir bei beruf & leben zu diesem Thema u.a. mit einer Heil­praxis zusam­men­ar­beiten).

Fazit:

Bleiben Sie gesund – aber wenn Sie an etwas erkranken, tun Sie es unter dem rich­tigen Namen!

Dr. Eva Reich­mann ist Berufs‑, Karriere- und Studi­en­fach­be­ra­terin. Gemeinsam mit Bianca Sievert leitet sie die Beruf & Leben GbR in Biele­feld. Sie ist Autorin des Buches “Ihr Weg zum passenden Beruf”.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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8 Kommen­tare

  1. Enrico Brie­gert 30. Oktober 2011 at 4:51 — Reply

    Burn-out zwischen Problem und Mode!

    Was passiert in einem Unter­nehmen, wenn ein Mitar­beiter die “Burn-out-Karte zieht”? Da Burn-out inzwi­schen sozial akzep­tiert, bekommt der Mitar­beiter endlich die (ihm zuste­hende?) Aner­ken­nung, die er vorher nicht empfunden hat. Kollegen und Betriebsrat zeigen mit dem Finger auf den Vorge­setzten. Der rudert jetzt auch…
    In manchen Gesprä­chen bekomme ich gar den Eindruck, dass man sich fast entschul­digen muss, dass man selbst keinen Burn-out hat. Scheinbar arbeitet man selbst gar nicht hart genug, man wird nicht gebraucht ;-).
    Wird durch die stän­dige offent­liche mediale Diskus­sion Burn-out zum Nocebo? Medi­zi­ni­sche Studien zeigen, dass das Lesen des Beipack­zet­tels die Wahr­schein­lich­keit von Neben­wir­kungen erhöht. Welche Wirkung hat die omni­prä­sente Diskus­sion von Burn-out auf das persön­liche Empfinden und die persön­liche Gesund­heit? Werden unsere nega­tiven Erwar­tungen erfüllt, d.h. tritt ein Nocebo-Effekt auf?

    Übri­gens: Burn-out ist übri­gens keine eigen­stän­dige medi­zi­ni­sche Diagnose.

  2. Wilhelm Zorem 30. Oktober 2011 at 15:15 — Reply

    Kaum lobe ich, wird es wieder mies. Das Burnout-Syndrom ist nichts weiter als eine Diagnose, um die Kosten einer ambu­lanten Behand­lung bei der Kran­ken­kasse einzu­rei­chen oder einen Pati­enten zur Kasse zu bitten. Burnout Symptome einfach mal mit dem lange bekannten Chro­ni­sche Müdig­keits­syn­drom (CFS) verglei­chen.

    • Svenja Hofert 31. Oktober 2011 at 0:13 — Reply

      so kenne ich Sie, hätte ich aber auch was vermisst 😉 beste Grüße SH

  3. Enrico Brie­gert 1. November 2011 at 19:39 — Reply

    Passt zum Thema: 7 Tipps für den garan­tierten Burnout: http://www.focus.de/gesundheit/gesundleben/stress/symptome/forschung-und-technik-medizin-burn-out-ist-chic_aid_673005.html

    (Wenn meine Kommen­tare über­haupt frei­ge­schalten werden ;-)). LG, Enrico Brie­gert

    • Svenja Hofert 1. November 2011 at 20:47 — Reply

      Klar, werden sie. Aber ich irgendwas muss Word­Press geän­dert haben. Bisher wurden Kommen­ta­toren auto­ma­tisch frei­ge­schaltet, wenn ich das einmal getan hatte. Plötz­lich nicht mehr.… Kurzum: Ich sehe Ihren Kommentar per Mail und denke, er ist frei… war er aber nicht. Keine Absicht, sorry. Lg SH

  4. Enrico Brie­gert 2. November 2011 at 5:54 — Reply

    Ich wars — habe meine E‑Mail geän­dert. Kann Word­Press nichts für ;-). LG EB

  5. Gilbert 20. März 2012 at 23:46 — Reply

    Schönen Dank für diesen Artikel! Wenn ich richtig infor­miert bin, ist es noch nicht einmal eine medi­zi­ni­sche Diagnose. Aber das, was Sie beschreiben, also der Umgang mit dem Begriff scheint tatsäch­lich Teil des Problems zu sein. Ich habe in diesem Zusam­men­hang in der März-Ausgabe des Maga­zins Human Resources Manager es einen guten Artikel von Ursula Schütze-Kreil­­kamp, Leiterin Execu­tive Deve­lo­p­ment der REWE Group gelesen: Die Autorin stellt dort Aspekte in den Vorder­grund, die bei der “Diagnose” Burn-Out gänz­lich zu kurz kommen: Selbst­re­fle­xion und Eigen­ver­ant­wor­tung. Denn wer “Burn-Out” ruft, ist auf der Suche nach äußeren Verur­sa­chern und die Eigen­ver­ant­wor­tung wird dabei schon im Ansatz vernach­läs­sigt. Für mich schließt sich die Frage an, woran es bei der Selbst­re­fle­xion schei­tert? Ist das nur indi­vi­duell oder auch struk­tu­rell? Sicher etwas von beidem: http://www.geistundgegenwart.de/2012/03/burn-out-kultur-selbstreflexion-und.html

  6. […] Burnout-Prophy­lak­­tiker (siehe 900% Zuwachs Burnout-Fälle seit 2004, Günter Jauch am Sonntag), […]

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