Kate­go­rien

Nichts wie weg hier: Die Flucht aus Deutsch­land

Published On: 2. Juli 2023Cate­go­ries: Klas­siker

Als ich Anfang des Jahres das erste Mal über die Flucht aus Deutsch­land sprach, wunderte ich mich noch über die unge­wöhn­lich große Reso­nanz, die mein Beitrag auf allen Platt­formen bekam.

Ich hatte eine Replik auf eine WELT-Kolumne mit dem Titel „Wie froh ich bin, nicht mehr in Deutsch­land zu leben“ geschrieben. Sie war mir aufgrund der außer­ge­wöhn­li­chen Zahl an Kommen­taren aufge­fallen. Mein News­letter No. 35 erschien dann unter dem Titel “Nichts wie weg hier” am 15.1.2023 hier. Da weilte ich gerade … auf einer südli­chen Insel.

Weggehen ist für immer mehr mehr als eine Option

Seitdem über­schlagen sich die Nach­richten von einer zuneh­menden Zahl deut­scher Auswan­derer. Es scheint, als fände von der Politik unbe­merkt ein Brain­drain statt, der sich jetzt — Mitte des Jahres — auch in offi­zi­ellen Zahlen spie­gelt. Immer mehr hoch quali­fi­zierte Menschen verlassen Deutsch­land. Ich kenne selbst nicht wenige, die auf dem Sprung sind. Die Alter­na­tive „Ausland“ taucht immer öfter auch als Frage­stel­lung im Coaching auf. Sie ist beson­ders inter­es­sant für Menschen wie mich, die auch digital arbeiten können. Und die sich bezogen auf Präsenz­ter­mine sagen: Vom Flug­hafen Malaga (oder anderen) sind es auch nur 2,5 Stunden nach Köln oder München…

Die Gründe fürs Weggehen sind viel­fältig: Es sind wie bei mir oft schlicht die Möglich­keiten. Es ist auch die Lebens­phase — in meinem Fall ist der Sohn aus dem Haus. Menschen in früheren Lebens­phasen berichten von unbe­frie­di­genden Arbeits­be­din­gungen, größeren Karrie­re­chancen und höherer Lebens­qua­lität im Süden Immer wieder genannt werden gesell­schaft­liche Fehl­ent­wick­lungen, eine wach­sende Bildungs­schere und die Angst, dass wir als Indus­trie­land unseren Wohl­stand verlieren. Da fragen sich nicht wenige, ob sie besser woan­ders mit der Familie Wurzeln schlagen.

Da fragen sich nicht wenige, ob sie hier oder besser woan­ders Wurzeln schlagen.

Derweil mehren sich die nega­tiven wirt­schaft­li­chen Zeichen. Für die meisten wahr­nehmbar ist eine sich verschlech­ternde medi­zi­ni­sche Versor­gung, eine aufge­bauschte Büro­kratie mit einer Staats­quote über 50% und essen­ti­elle Fragen wie die, ob die Ener­gie­wende so wirk­lich geschafft werden kann — oder wir im globalen Wett­be­werb auch hier verlieren.

Digi­ta­li­sie­rung ist auch so ein Thema: Aus eigener Erfah­rung mit Zweit­woh­nung bei Malaga kann ich sagen: Dort habe ich Glas­faser und meine Videos sind ruck­zuck online, weshalb ich lieber dort arbeite. Bei uns vor den Toren Hamburgs sind keine Steck­plätze frei… alles geht lang­samer.

Und selbst wenn es uns Bundes­bür­ge­rinnen immer noch besser geht als vielen anderen: Inzwi­schen sollte klar sein, dass die Zukunft nicht notwendig eine Fort­set­zung der Vergan­gen­heit ist. Erst recht nicht in einer Zeit unüber­schaubar zahl­rei­cher Wenden und unklarer Wech­sel­wir­kungen.

Geht es mit uns weiter bergab?

Wie schafft man den Turn­around? Durch ein Heizungs­ge­setz auf 170 Seiten, das seit Monaten immer wieder aufs Neue verun­si­chert? Durch den Verbot des Baus von Einfam­li­en­häu­sern? Durch immer mehr Regeln?

Ich möchte nicht in der Haut von Poli­ti­kern stecken, die durch das poli­ti­sche System begrenzt sind — aber so ist nun mal Demo­katie. Heikel wird’s, wenn Politik sich als Unter­nehmer versucht… Die wich­ti­gere Kunst wäre, eine gesell­schaft­liche Mitte zu schaffen, doch derzeit fransen Ränder aus.

Auswan­de­rung ist ein Konti­nuum

Nun gut, andere Länder. Ein Pedro Sanchez in Spanien ist weiß Gott kein Leucht­turm. Aber in südli­chen Ländern kann man leichter weggu­cken, da etwas Entschie­denes in Klima und Kultur veran­kert ist: Lebens­qua­lität.

Das Nach­bar­land ist nah und viele werben um Deut­sche. Seit Jahren steigt deshalb die Anzahl der offi­zi­ellen Auswan­derer. Allein die Corona-Pandemie sorgte für eine kleine Delle. Die Delle wird, schaut man sich Zahlen des Statis­ti­schen Bundes­amtes an, gerade wieder aufge­holt.

Abschied auf Raten

Und über­haupt: Nicht alles spie­gelt sich in der Statistik. Denn Auswan­de­rung heißt eben nicht gleich alle Zelte abbre­chen — und die Wohnung in Deutsch­land ganz aufgeben. Auswan­de­rung ist viel­leicht schlicht mehr Home­of­fice woan­ders, ist ein Konti­nuum. Ich brauche nur an die Costa del Sol zu schauen. Da leben viele nicht ganz, aber auch nicht gar nicht. Teil­zeit­aus­wan­derer sind mal ein paar Monate weg, mal ein Jahr, nehmen unbe­zahlten Urlaub oder kaufen Tiny Houses und Boote. Die 4 Tage-Woche ist bis in meinen Friseur­salon durch­ge­bro­chen und kaum jemand in meiner Bubble arbeitet noch Nine2Five.

In der deut­schen Politik wird derweil das “Normal­ar­beits­ver­hältnis” nach wie vor hoch­ge­halten und mit seiner Weiter­exis­tenz gerechnet. Aber ist das wahr­schein­lich bei all diesen Entwick­lungen?

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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