Kate­go­rien

Pein­liche Ausrut­scher im Vorstel­lungs­ge­spräch

Published On: 20. Dezember 2011Cate­go­ries: Führung

Manchmal rutscht einem was raus. Aber, was mir einige Kunden und Leser über ihre Erleb­nisse in Vorstel­lungs­ge­sprä­chen berich­teten, hört sich oft nach mehr an als einen Ausrut­scher.

Apropos Kommu­ni­ka­ti­on­s­pannen:

  • Die Versi­che­rungs­branche ist nicht gerade für ihre Intel­lek­tua­lität bekannt. Doch fleißig bemühen sich einige Konzerne auch per Social Media-Akti­­vität ihres Plumpe-Laut­spre­cher-Images zu entle­digen. Leider wirken die Außen­maß­nahmen nicht im Innern: Der Perso­nal­leiter eines Münchner Versi­che­rungs­un­ter­neh­mens fragte seinen Bewerber, der sich ehren­amt­lich an der Uni für Migran­tinnen enga­giert hatte, „wie die denn so gewesen seien.“ Den Blick kann ich hier nicht nach­ma­chen, aber Sie werden ihn sich jetzt vorstellen können. Er fügte hinzu: „War sie wenigs­tens hübsch?“
  • Alles, was nach Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaften riecht, ist, etwas über­spitzt ausge­drückt in der öffent­li­chen Meinung „bäh“. Auch wenn die Einla­dungs­quoten beruf­lich gut aufge­stellter Geis­tes­wis­sen­schaftler  längst besser sind als die schlecht aufge­stellter BWLer – das Looser-Studium-Image hält sich. „Ach, Sie haben ja Sozio­logie studiert. Da hätten Sie ja gleich ein Abo bei der Bundes­agentur für Arbeit abschließen können.“ Hähä.
  • Verlage und Medi­en­agen­turen sind bekannt für Perso­nal­ab­tei­lungen, die sich stark in den Schatten der meist mäch­tigen Alpha­tiere stellen. Aber dass ein Chef­re­dak­teur andert­halb­stün­dige Mono­loge hält, um abschlie­ßend zu fragen „Ach, haben Sie noch Fragen?“, derweil die Perso­na­lerin mit ihrem Iphone spielt, spricht für…. Mindes­tens eine beson­ders ausge­prägte Form des Narzissmus.

Betrifft: Orga­ni­sa­ti­ons­de­saster

  • Bewerber schleifen Tage an ihrem Lebens­lauf, legen jedes Wort auf die Gold­waage ihres Anschrei­bens. Wofür? Die Perso­na­lerin einer nord­deut­schen Tradi­ti­ons­firma lud die gleiche Bewer­berin drei Mal auf verschie­dene Stellen ein, um jedes Mal fest­zu­stellen, dass sie ja eigent­lich für die Posi­tion nicht passte. Warum? CV nicht gelesen. „Öh, hab so viel zu tun.“
  • Der Bewerber als Partner auf Augen­höhe? Von wegen: Ein Unter­nehmen rief zwei Stunden vor dem Vorstel­lungs­ge­spräch den Bewerber an und fragte, ob dieser auch bereit sei, für die Hälfte des im Anschreiben genannten Gehalts zu arbeiten. Da saß dieser schon im Zug. Die Zugfahrt sollte er dann selbst bezahlen, als er erwiderte„nein“.
  • Profes­sio­na­lität wird von Bewer­bern erwartet, aber von Unter­nehmen? Deren Fehler bleiben unge­sühnt. Von der bekannten Hamburger GmbH, die über 200 Bewer­bern per CC: absagte, haben Sie in diesem Blog ja schon gelesen.
  • Die Sekre­tärin des Perso­nal­lei­ters sollte Infos über eine Bewer­berin einholen. Verse­hent­lich wählte sie die Nummer der Bewer­berin selbst und hatte den Freund am Apparat. Der war reich­lich irri­tiert von den indis­kreten Fragen.

Was tun, wenn ein Perso­naler einen saudummen Spruch macht oder sich völlig daneben benimmt? Gleich das ganze Unter­nehmen verdammen oder gar die Branche?

Mein Rat: Unter­scheiden Sie Ausrut­scher und Versehen von Ausschnitten eines Gesamt­bildes. Auch ein Perso­naler ist ein Mensch. Sie sollten ihn oder sie aber auf die Bemer­kung anspre­chen, die bei Ihnen Unwohl­sein auslöste.

Beispiel: „Ihre Bemer­kung irri­tiert mich jetzt. Ich höre da Fremden- und Frau­en­feind­lich­keit heraus. Das scheint mir nicht zu den Werten zu passen, die Sie auf Ihrer Website kommu­ni­zieren.“ Möglich, dass Sie danach in der Achtung steigen – und gewinnen. Sie könnten aber auch eine Absage provo­zieren. In dem Fall ist das aber auch nicht schlimm.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Karriere Mann 28. Dezember 2011 at 9:34 — Reply

    Was mir im zweiten Gespräch passiert ist: die Abtei­lungs­lei­terin schwärmt das ganze Gespräch über von einem anderen Bewerber. Wie passend er doch zum unter­nehmen ist und welch tolle Quali­fi­ka­tionen er doch hat. Erst nach vier Gesprä­chen und einem probetag hat sie sich für den anderen tollen Bewerber entschieden

  2. Svenja Hofert 28. Dezember 2011 at 17:10 — Reply

    Hm, komi­sche Geschichte. Entweder tricky: Sie hat dem anderen von Ihnen vorge­schwärmt oder Chef-Order — wir probieren auf jeden Fall 2. Ganz so schlecht können Sie nach 4 Gesprä­chen nicht gewesen sein 😉 LG SH

  3. michael 22. November 2016 at 22:48 — Reply

    Geehrte Frau Hofert,
    der Artikel ist zwar schon älter, dennoch aktuell.
    Ich habe heute das zweite mal in meinem Leben ein Bewer­bungs­ge­spräch gehabt, und bin entsetzt geradzu scho­ckiert.
    Das Anfor­de­rungs­profil ‚knapp 1,5 DIN A4 Seiten, als leitender Fach Inge­nieur. Der Empfang, durch den direkten Vorge­setzten, zuge­ge­bener­weise vorbild­lich, aber dann.…Ich habe mir tage­lang den Kopf zerbro­chen, ausgie­bige Recherche betrieben, beim Frisör gewesen, gut gekleidet (kein Anzug)bin ich ausrei­chend vorbe­reitet usw usw. Ich komme in den Kone­renz­raum 6 weitere Inter­viewer. 7 gegen 1.
    Klei­der­ord­nung, bis auf Bereichs­lei­tung und Manager, Altags­klei­dung und Arbeitskleidung…wow ich stehe früh auf duschen,nochmalige Rasur, Jacke gebürstet Hose nochmal geprüft, dem Anlass entspre­chend aufge­hübscht, und dann sowas.
    Aus der Elek­tro­ab­tei­lung 2, Konstruk­tion und EX Schutz jeweilig einer,Betriebsrat und der Rest wurde zwar vogestellt, aber für mich und den Job “belanglos”. Als soge­nannter VEFK am Standort, wäre ich bis auf den Manager “Vorge­setzter” gewesen.
    Alge­meines blabla, “Lebens­ge­schichte” erzählt und dann der Hammer, ich werde mit Fragen und Wissen­ständen konfron­tiert, die nichts mit dem Anfor­de­rungs­profil zu tun haben.(Konstruktion und und EXSchutz).Löbliche Ausnahme die Elek­tro­frak­tion, mein Fach, alles korrekt beant­wortet, dennoch zu wenig gefragt.Für andert­halb Seiten Anfor­de­rungs­profil zur E‑Technik, und nur 3 (drei) konkrete Fragen Aber auch hier keiner kennt das Anfor­de­rungs­profil. Ich bin seit 1987 im Beruf, und von Anfang an in leitender Fuktion, so ein Affront hatte ich noch nicht. Das ist nicht profes­sio­nell, eher belei­di­gend.
    Viel­leicht werde ich ja zu einem weiteren Gespräch einge­laden.
    Ich werde dann auch hingehen, nur um zu schauen wie dieses Trau­er­spiel weiter­geht.

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