Kate­go­rien

Platt­ge­schnackt oder: Der emotio­nale Super­ver­käufer und seine Grenzen

Published On: 4. Juni 2012Cate­go­ries: Karriere

© ruby­soho — Fotolia.com

Das lila Auto war das häss­lichste weit und breit. Ich vermute, es stand in dieser Ecke am Ende des Park­platzes seit Jahren. Als ich in das Auto­haus kam, witterte der Verkäufer seine Chance, es doch noch loszu­werden. Kleine Frau, wird nicht groß nach PS fragen und solche Sachen. Dann begann er mich zu beschna­cken. Tolles Auto. Klasse Farbe. Würde zu meinem Blazer passen. Und über­haupt, damit fiele man echt auf. Und was wolle man denn mehr. Ach, Firmen­wagen? Egal, passt super, bester Wagen, so einen haben die anderen nicht. Nein, danke. Ich ging. Und kam nie wieder. Neun Jahre her. Mein Auto habe ich 50 Kilo­meter vor den Toren von Hamburg geleast. Da war der Verkäufer grad unter­wegs und ich konnte mit dem Werk­statt­in­haber spre­chen.

Emotio­nale Super­ver­käufer seien notwen­diger Teil eines erfolg­rei­chen Grün­der­teams, lässt sich in diversen Unter­su­chungen nach­lesen. Als Mitar­beiter sind sie überall gesucht. Aber müssen es diese Auto­haus-Typen sein? Müssen immer Leute Verkäufer werden, die die Körper­di­stanzen konse­quent unter­schreiten und ihren Rede­an­teil so über­do­sieren wie ihr After Shave?

Ich finde, manche Verkaufs­trai­ner­über­treiben es mit dem Bad Boy-Image, das sich schon in der Körper­sprache spie­gelt. Ein zu aggres­sives, direktes Auftreten wäre für mich das Zeichen, nichts zu kaufen. Mögli­cher­weise entsteht diese Wirkung vor allem beim weib­li­chen Teil der Bevöl­ke­rung, aber ange­sichts der Tatsache, dass dieser der Teil mit dem größten Zuwachs an Kauf­kraft ist, sollte das bitte nicht unter­schätzt werden. Ich könnte mir vorstehen, dass der wach­sende Wissens­stand durch Internet & Co. und die weitere Auffä­che­rung von Lebens­stilen und damit Ziel­gruppen, die sich nicht nur in den Sinus-Milieus erkennen lässt, in Zukunft einen weniger zackigen Verkäu­fertyp erfor­dert. Es ist wohl mehr den Typ Lars Schäfer, der emotional verkauft, wenn man dem Titel seines Ratge­bers vertraut, der nebenbei gesagt eine gute Einfüh­rung in die Basics des Verkau­fens ist.

Diese Woche begeg­nete ich privat wieder einem Schnacker. 20 Minuten redete er auf mich ein, gesti­ku­lierte gewandt, durchaus sympa­thisch, aber nur durch klare Signale unter­brechbar. „Ich bin ein Verkäufer aus Leib und Seele“, schnackte er. „Was verkaufen Sie denn?“ fragte ich und ordnete ihn zwischen Autos und Lampen ein. Es war etwas im tech­ni­schen Bereich, erklä­rungs­be­dürf­tige Produkte.  Hm. Ob sein Team auch so rede­lustig sei, fragte ich. Oh ja, die müssten auch viel-schna­­cken lernen, erklärte er. Ob er denn glaube, dass Viel-Reden eher zum Abschluss führe. Glaubte er.

Ich will nicht abstreiten, dass Reden wichtig ist, nicht jedoch viel-reden. Gerade bei Kunden, die auf der Extro-Intro­skala in der Mitte (ambi­ver­tiert) oder links außen (intro­ver­tiert) sind, ist weniger mehr. Und über­haupt: Die rich­tige Kommu­ni­ka­ti­ons­stra­tegie beginnt für mich beim Gegen­über. Welche Signale gibt er? Viel Fragen, das heraus­zu­finden, gehört dazu –  und wenig Schema F.

Vor einiger Zeit, wollte mir ein Bank­be­rater 45 Minuten in einer langen Power­point­schlacht nach Schema F. Anla­ge­grund­lagen erläu­tern. Ich sagte, da könne er drauf verzichten, ich wolle nur ganz bestimmte Fragen beant­wortet haben, so könne er seine und meine Zeit sparen. Ok, sagte er über­rascht, stellte sich aber darauf ein. Kompli­ment, die Hard­ware im Kopf ist flexibel. Geht doch.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Enrico Brie­gert 5. Juni 2012 at 11:37 — Reply

    Verrückte Welt — hier lese ich über Verkaufen und in Limbecks Hard-Selling Blog über Reiss-Profile ;-).

  2. Svenja Hofert 5. Juni 2012 at 22:45 — Reply

    Also Herr Brie­gert, ich habe gerade den Hard­sel­ling Test gemacht und es könnte sein, dass ich ihn sogar bestanden hätte. … Wo haben Sie denn die Reiss-Motive gefunden — bin ich blind? Aber die wären in der Tat eine gute Hilfe beim Verkaufen. Nur: Sehr große Unter­schiede sind über einen längeren Zeit­raum nicht über­brückbar, vor allem nicht wenn mehrere Motive bei Verkäufer und Käufer stark ausein­an­der­klaffen.
    LG Svenja Hofert

  3. Enrico Brie­gert 6. Juni 2012 at 4:37 — Reply

    Guten Tag Frau Hofert, schauen Sie mal hier: http://bit.ly/JUNvQm
    Gruß, Enrico Brie­gert

  4. Markus Blass 8. Juni 2012 at 17:04 — Reply

    TOLLER BEITRAG!

  5. Lars Hahn 8. Juni 2012 at 20:49 — Reply

    Emotio­nale Super­ver­käufer. Auch wieder so’n Label. Ich verkaufe immer dann beson­ders gut, wenn es mir selbst nicht in erster Linie um den Verkauf geht. Dann geht es meis­tens um Zuhören, Intui­tion, den Anderen sein lassen.
    Seit Jahren verkaufe ich nun auch, aber so genau habe ich immer noch nicht verstanden, was Leads wirk­lich sind. Ich werde nicht für Kontakte und Inter­es­senten bezahlt, sondern für gute Leis­tung und Glaub­wür­dig­keit. Und zwar vom Kunden.

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