Die gängigen Ratgeber nutzen alle  ähnliche Sche­mata: Sie zeigen uns, wie wir uns vermarkten und anpassen, damit wir einen Job bekommen und Karriere machen. Dass dieses Buckel-Verhalten gera­de­wegs in den Burnout führt, passt nicht ins Konzept.

Aber die Arbeits­welt der Zukunft fordert keine strom­li­ni­en­för­migen Oppor­tu­nisten, sondern Charak­tere. Deshalb ist eine Karrie­re­be­ra­tung der alten Schule nicht mehr zeit­gemäß.

Der Diplom-Psycho­­loge Chris­toph Burger ist Karrie­re­ex­perte und Karrie­re­be­rater der neuen Gene­ra­tion, die ihren Kunden  nicht mehr rät, sich (vermeint­li­chen) Karriere-Regeln zu unter­werfen und die eigene Persön­lich­keit zu unter­drü­cken. „Karriere ohne Schleim­spur“ lautet entspre­chend seine Devise – und sein neues Buch.

Schleimen sich die meisten Menschen durchs Leben?

Ein Teil passt sich zumin­dest sehr stark an. Vom Anpassen ist es eben nur ein kleiner Schritt zum Schleimen. Wenn jemand die Erwar­tungen von anderen erfüllt, anstatt auf sich selbst zu hören, ist das viel­leicht kein Schleimen, aber doch ein sehr starkes Ausrichten nach dem Wind, der gerade weht.

Viele glauben aber, dass sie dieser Wind weiter­trägt auf der Karrie­re­leiter…

Die Leiter ist ja ein langsam ausster­bendes Bild für Karriere. Es stimmt auch nicht. Gerade jene, die sich sehr stark anpassen, kommen oft nicht weiter. Und wenn doch, dann oft auf Kosten der Gesund­heit und des Wohl­be­fin­dens. Wenn ich im Job nicht ICH sein darf, fühle ich mich nicht wohl.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen. Sind Sie ein Schleimer?

Eher das Gegen­teil. Ich bin offen und manchmal direkt. Es kann sein, dass man damit aneckt. Es ist aber authen­tisch. Oft ist aber genau das der Schlüssel für Erfolg: Der eigenen Persön­lich­keit entspre­chend handeln. Das macht glaub­würdig, fühlt sich gut an und bringt einen nebenbei auch dorthin, wo man hinwill.

Jahre­lang domi­nierten Karrie­re­ex­perten das Bild, die nicht viel älter waren als wir beide, aber ganz anders dachten: Eher im Sinne „passt euch an“. Warum macht man gerade heute „Karriere ohne Schleim­spur“?

Das hat ganz viel mit der verän­derten Arbeits­welt zu tun. Es gibt aus meiner Sicht zwei Hebel: Aufgrund des demo­gra­fi­schen Wandels ergeben sich mehr Spiel­räume, die gerade die Gene­ra­tion Y nutzen kann und will. Deshalb kommt das Thema auf. Der zweite Hebel ist das Alter: Jemand über 40 Jahren will sich nichts für ihn Unsin­niges mehr vorschreiben lassen und sich selbst entfalten. Das macht die Ziel­gruppe für eine Karriere, die man früher viel­leicht als „alter­nativ“ bezeichnet hätte, breit und groß.

Bleiben wir mal bei der Gene­ra­tion Y. Kann das nicht auch ins Gegen­teil ausschlagen: Immer fordern, aber nichts geben? Freitag publi­zierte ich einen Artikel über die angeb­lich erheb­lich gesun­kene Bereit­schaft, heute Führungs­auf­gaben zu über­nehmen.

Wir stehen da an einer Schwelle, an der sich viel verän­dern kann. Der Demo­gra­fie­wandel spielt den jungen Menschen in die Hand. Das kann auch dazu verführen, es zu über­ziehen. Ich hoffe sehr, dass der egois­ti­sche Moment sich hier nicht durch­setzt. Die Bedin­gungen zu Diktieren, ist sicher viel­fach möglich, aber auch keine Lösung, die Arbeit­geber und Arbeit­nehmer zufrieden stellt.

Worum geht es dann  — wenn es mehr ist, als nur eigene Inter­essen durch­zu­boxen?

Die neuen Frei­heiten könnten dazu führen, dass sich Arbeits­be­din­gungen zum Posi­tiven hin verän­dern. Sie könnten dann zugleich mensch­li­cher und produk­tiver werden. Die entschei­dende Frage für den Einzelnen ist: Was tut mir gut? Es geht hier um eine Betrach­tung des Lebens insge­samt, in dem der Beruf ein Teil ist. Sich da zu stark von andern steuern und auf die Spur bringen zu lassen, tut einem selbst nicht gut. Es führt zu Burnout und anderen Fehl­ent­wick­lungen.

Worum geht es dann  — wenn es mehr ist als nur eigene Inter­essen durch­zu­boxen?

Die Mehr­heit meiner Kunden sucht Werte in ihrem Leben und Berufs­leben. Sich um des Erfolg willens unter­zu­ordnen, vermit­telt diese Werte nicht. Ich empfehle, sich einmal seinen 80. Geburtstag vorzu­stellen. Wie möchte ich da auf mein Leben zurück­bli­cken? Was bewerte ich dann als wichtig? Es wäre sehr gesund, diese Perspek­tive schon früher in das Leben, auch das Berufs­leben, einzu­bringen.

Ich stelle immer wieder fest, dass viele Menschen sich auf Suche nach einer Karriere begeben, die Ihnen das Leben leicht macht und sowas wie eine Wunder­pille ist. Die Moti­va­ti­ons­jünger haben enormen Zulauf, viel mehr als seriöse Berater. Was verspre­chen die Menschen sich?

Sie hängen einem Traum nach, der sich nicht erfüllen wird. Sie tun das wider der Vernunft. So wie wir auch zu McDo­nalds gehen, obwohl wir wissen, dass das nicht gut ist. Die trei­bende Hoff­nung ist die auf ein Wunder. Doch das gibt es nicht. Der Mensch lässt sich, wenn er erst erwachsen ist, nur noch schwer funda­mental ändern. Im Berufs­leben ist er damit in gewisser Weise fest­ge­legt. Er steuert in seinen gewohnten Bahnen.

Ich sehe aber viele, die an Mantras glauben wie „Du kannst alles errei­chen“.

Sowas klingt aber auch zu gut. Die Wahr­heit ist, dass man sich nur inner­halb eines bestimmten Rahmens verän­dern kann und dafür Zeit braucht, viel Zeit. Eine normale Psycho­the­rapie dauert mindes­tens 25 Stunden – verteilt auf ein Jahr. Psycho­the­rapie ist zudem harte Arbeit, nicht einfach nur Spaß. Das gibt einen guten Anhalts­punkt dafür, was einer vor sich hat, der sich beispiels­weise von einem eher schüch­ternen Typen zu einem agilen Verkäufer verän­dern will. Da reicht kein einzelner Erfolgstag.

Kommen wir mal zu einem prak­ti­schen Thema, dem Vorstel­lungs­ge­spräch. Wie kann ich da auf die Schleim­spur verzichten?

Indem ich mir klar mache: Okay, es ist ein Schau­laufen. Aber auch die Firma steht auf dem Prüf­stand. Sind die dort vorbe­reitet? Pünkt­lich? Offen? Wer hier Warn­zei­chen miss­achtet, gerät leicht in einen Job, der nur mit tägli­chem Buckeln und Kröten-schlu­­cken zu bewäl­tigen ist. Und das wäre auf Dauer ganz sicher die falsche Stelle. 

Den Karrie­re­coach Chris­toph Burger finden Sie hier und als Mitglied der Karriereexperten.com.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

12 Kommen­tare

  1. Marda 14. März 2012 at 11:27 — Reply

    Ein aktu­eller Song zum Thema buckeln: “Deich­kind — bück dich hoch”

  2. Thomas Hoch­ge­schurtz 14. März 2012 at 15:55 — Reply

    Wer einen Arbeits­ver­trag in einem Konzern unter­schreibt, tauscht Entgelt gegen Zeit, nicht Selbst­ver­wirk­li­chung. Die Erfül­lung von Erwar­tungen in die Nähe von Schlei­merei zu rücken, halte ich für einen grenz­wer­tigen Karrie­re­tipp. Im Übrigen zeigen gerade die frei­be­ruf­li­chen Berater einen Hang zum “YES”-Consultant, erzählen also ihren Kunden das, was diese hören wollen. “Anpas­sung ohne Selbst­auf­gabe” ist hier wohl das ange­brachte Stich­wort für ange­stellte, die Karriere machen wollen.

  3. Svenja Hofert 14. März 2012 at 16:33 — Reply

    Hallo Herr Hoch­ge­schurtz, hm, also YES-Consul­­tants ist ein schi­cker Begriffe, ich klam­mere mich selbst aber entschieden aus 😉 .… Ich finde indes auch, dass es ohne einen gewissen Grad der Anpas­sung nicht geht. Auch als Berater, der sein “eigenes Ding” macht, muss man sich anpassen. Ich passe mich andau­ernd an, z.B. indem ich Inter­views mit Ihnen oder Herrn Burger mache, die gut gelesen werden. Wenn es nach mir ginge, würde ich mehr schwer verdau­li­ches Zeugs schwa­feln 😉 Aber: Ich passe mich nur in dem Maße an, in dem es für mich selbst vor meinem aktu­ellen beruf­li­chen Hinter­grund sinn­voll und meinen eigenen Werten entspre­chend ist. Genau so muss es aus meiner Sicht sein, auch für Ange­stellte. herz­liche Grüße und dank für den Input, Svenja Hofert

  4. Chris­toph Burger 14. März 2012 at 18:06 — Reply

    Hallo Herr Hoch­ge­schurtz,
    das Leben ist Anpas­sung! Wer die Trotz­phase mit 3 nicht über­windet, wird es leider nicht in die Gemein­schaft schaffen, also nicht mal einen Schul­ab­schluss bewäl­tigen. “Anpas­sung ohne Selbst­auf­gabe” sehe ich adäquat zu “Karriere mit Charakter”: Der indi­vi­du­elle Weg zwischen Anpas­sung und Selbst­be­stim­mung. Aber wenn Sie die klas­si­schen Karrie­re­bü­cher lesen, wird einfach ganz selbst­ver­ständ­lich von Anpas­sung (Solo) ausge­gangen. Der indi­vi­du­elle Weg wird gar nicht erst thema­ti­siert geschweige denn proble­ma­ti­siert.

    Die “Yes”-Consultants zeigen dann in der Praxis auf, wo der Unter­schied zwischen “uns” (ich nehme an, ich kann Sie hier einschließen) und anderen Consul­tants liegt.

    Danke für Ihre Meinung & schöne Grüße, CB

  5. […] Inter­essen fördern ist nach allem, was ich sehe und erlebe, extrem wichtig. Dass sich Kinder frei­willig und ohne Elter­li­ches Nase-Drauf-Stoßen ein Inter­esse suchen, passiert eher zufällig. Von 30 Kindern, so meine sehr private Schät­zung mangels offi­zi­eller Zahlen, ist eines eigen­ständig und ohne Eltern-Push leiden­schaft­lich mit einem Thema iden­ti­fi­ziert. Der Rest eiert rum, sucht, fängt an und hört auf. Das muss zu einem gewissen Grad auch so sein, weil Finden immer ein Prozess aus Anfangen und Aufhören ist. Nur: Viele Finden nie, weil sie viel zu kurz suchen. Mehr noch: Sie haschen nur. Das ist aktuell zu beob­achten bei einem Teil der such­freu­digen Gene­ra­tion Y. […]

  6. Thomas Hoch­ge­schurtz 19. März 2012 at 14:19 — Reply

    “Karriere mit Charakter” gefällt mir wirk­lich gut — Danke Herr Burger.
    Wenn man den Heiko Mell Karrie­re­test auf der VDI-Nach­rich­­ten­­seite ausfüllt, vermit­telt dieser (leider) Anpas­sung inklu­sive Selbst­auf­gabe. Und die Seite hat wahr­schein­lich mehr Klicks als dieser Blog — Schade!

  7. Svenja Hofert 19. März 2012 at 14:39 — Reply

    Hallo Herr Hoch­ge­schurtz, das Denken des Bera­ters spie­gelt sich immer in seinen Ratschlägen. Und leider war es schon immer so, dass die Inno­va­tiven (Anderen, Neuden­kenden) in der Minder­zahl waren. Muss auch so sein, sonst wären sie nicht mehr inno­vativ. LG Svenja Hofert

  8. Chris­toph Burger 21. März 2012 at 10:36 — Reply

    @Hochgeschurtz: Danke, diese Rück­mel­dung ist sehr wert­voll für mich. Freut mich sehr!
    @Hofert: Hm, inter­es­sant. Ich denke aller­dings, dass die Zeit für gewisse Gedanken (z.B. Persön­lich­keit wich­tiger als früher, Kamin­kar­riere rückt aufs Abstell­gleis) kommt — das kündigt sich für die genannten Beispiele über­deut­lich an, wie ich finde. Und gene­rell sollte es doch wohl so sein, dass das Vorge­dachte zuneh­mend Main­stream wird und die Vordenker (möglichst zu Lebzeiten) gut dastehen (während sie selbst bereits noch weiter sein mögen).

  9. […] im wesent­lich sind das idea­lis­tisch geprägte Startups. Eine zwei­fellos gute Sache in Zeichen des Demo­­grafie-Wandels und einer immer mehr Sinn und Vergnügen suchenden Gene­ra­tion Y. Ich schlage weiter vor als […]

  10. Felix 15. April 2012 at 4:06 — Reply

    Habe das Buch gerade durch, und konnte doch die eine oder andere Sache für mich daraus ableiten;Vielen Dank dazu! Aller­dings ist mir aufge­fallen, dass hier Selbst­stän­dig­keit und Unter­neh­mertum gleich gesetzt werden, was ich für einen groben Fehler halte. Der eine sucht persön­liche Frei­heit, ohne Verant­wor­tung für andere über­nehmen zu müssen; arbeitet daher allein, und der andere strebt danach etwas aufzu­bauen, eine prak­ti­sche Vision in Form einer Dienst­leis­tung oder Produkt umzu­setzen, und arbeitet daher zumeist von Anfang an auch Ange­stellte. Wie sehen Sie das? Grüße, Felix

    • Svenja Hofert 16. April 2012 at 8:35 — Reply

      Hallo, wenn man Unter­neh­mertum ganz klas­sisch defi­nieren würde — Unter­nehmer als jemand, der etwas aufbaut, um es an einen Nach­folger zu über­geben — , wären nur 2% aller Selbst­stän­digen Unter­nehmer. In meinem Slow Grow Prinzip geht es u.a. um den Unter­schied, herge­lei­tete von den Moti­va­tionen. Ich finde aber, das ist schwer trennbar und auch nicht Aufgabe von Herrn Burger, der das Thema ja nur anreißt. In der Zukunft der Arbeit dürfte das aus meiner Sicht noch mehr verschmelzen: Der Unter­nehmer des Indus­trie­zeit­al­ters grün­dete aus andere Moti­va­tion. Die Moti­va­tion in der Wissens­ge­sell­schaft ist mehr und mehr Selbst­ver­wirk­li­chung. Man wird Selbst­un­ter­nehmer, auch als Ange­stellter. LG Svenja Hofert

  11. […] Die Weit­bli­ckerin Svenja Hofert hat das erkannt und mich mitsamt meiner Thesen deshalb hier als Karrie­re­be­rater der neuen Gene­ra­tion bezeichnet. Vielen Dank! Eine Gefäl­lig­keit war das […]

Leave A Comment