Kate­go­rien

Was sind Ihre Schwä­chen? — Die Zitter­frage für den nächsten Vorstel­­lungs­­­ge­spräch-Horror

Published On: 1. November 2011Cate­go­ries: Karriere

Heute fand ich einen Artikel über Schwä­chen bei Career Builder mit den Kollegen von Karrie­re­ex­perten. Wieder mal Zeit, etwas zu Schwä­chen zu sagen. Ist „what are your weak­ne­sses“  doch auch im englisch­spra­chigen Bereich aus Bewer­ber­sicht nach wie vor der die schwie­rigste, ja schreck­lichste Frage über­haupt.

Nun steht dieser Blog unter dem Motto „Arbeit der Zukunft“ und die erste Frage muss deshalb lauten: Ist so eine Frage über­haupt noch zeit­gemäß, gibt es nicht moder­nere Inter­view­tech­niken? Nein, natür­lich ist die Frage NICHT zeit­gemäß. Sie provo­ziert dämliche, auswendig gelernte Antworten vom Typ „ich bin unge­duldig“. Und diese Antwort sagt rein nichts über den Bewerber…außer: er ist mögli­cher­weise etwas phan­ta­sielos (oder gerade in diesem Augen­blick). Oder: Er liest Ratgeber und lernt auswendig. Schlauer bin ich also als Perso­naler bei dieser Antwort nicht. Wenn ich es dabei belasse, mache ich höchst­wahr­schein­lich auch Zuschrei­bungs­fehler.

Nichts­des­to­trotz ist es absolut sinn­voll, eigene Schwä­chen iden­ti­fi­ziert zu haben.  Und halten Sie sich jetzt fest – nicht etwa, weil ich wie alle anderen glaube, man solle Stärken stärken. Ich finde: Viele der selbst­emp­fun­denen Schwä­chen sind der Einbil­dung geschuldet. Ich will Ihnen ein Beispiel als selbst Betrof­fene nennen: Ich halte mich nicht für eine mathe­ma­ti­sche Leuchte, weil  ich abhängig von Lehrer und Thema von einer 1 bis zu einer 5 alle Noten mal hatte. Ich bildete mir irgend­wann ein, stärker in Text­auf­gaben zu sein als im Rechnen, also vermied ich das Kopf­rechnen. Nun habe ich neulich mit meinem Partner und meinem Sohn einen Schnell­re­chen­wett­be­werb im Auto durch­ge­führt. Beide sind Mathe-Einser­­kan­­di­­daten. Was soll ich sagen? Ich habe den Wett­be­werb gewonnen.  Das hat eine Theorie bestä­tigt, die ich seit längerem habe: Entschei­dend für die Wahr­neh­mung von Schwä­chen sind eigene Erfah­rungen und das Feed­back von anderen. Bekomme ich wenig Bestä­ti­gung für etwas, höre ich entweder auf mich damit zu beschäf­tigen oder sage bei ausge­prägten Kampf­geist „jetzt erst recht“.  Siehe Talent und 10.000-Stunden-Regel.

Sollte ich also jemals noch mal selbst in einem Vorstel­lungs­ge­spräch sitzen, könnte ich etwas in der Art sagen: „Ich dachte immer, ich könne nicht so gut Rechnen. Aber ehrlich gesagt, bin ich seit einem Erlebnis aus dem letzten Monat nicht mehr so sicher.“ Dann erzähle ich meine Anek­dote. Der Perso­naler wird diese Antwort mit hoher Wahr­schein­lich­keit gut finden. Selbst­re­flek­tion sieht er darin, und die ist nötig für den Weg nach oben. Auch die Bereit­schaft Dinge zu tun, von denen man meint, man könne sie nicht, sieht er.  Die ist nötig, um sich zu entwi­ckeln. Wenn ich mich dann nicht gerade für einen Job als Finanz­buch­halter bewerbe, sollte das Punkte geben.

Bei meinen Kunden erlebe ich: Da werden Themen als Schwä­chen gesehen, die irgendwie negativ besetzt sind. „Ich kann nicht schreiben, bin nicht kreativ, kann nicht präsen­tieren, bin nicht perfekt in XX… und über­haupt.“  Das ist ein relativ typi­sches Frauen-Ding: Ihnen fallen viele Schwä­chen ein. Häufig ist die Schwäche in realiter aber deut­lich kleiner als selbst gesehen und das Talent größer als erkannt.

Bei Männern, mit Verlaub, sieht es manchmal, nicht immer, anders herum aus. Es kann sein, dass sie wirk­lich keinerlei Schwä­chen bei sich sehen, aber natür­lich trotzdem welche haben, z.B. fehlende Selbst­re­flek­tion. „Hm, Schwäche…?“  Schwä­chen erkennen fällt übri­gens genauso schwer wie das Sehen von Stärken. Auf eine meiner Lieb­lings­fragen „wenn Sie in einem Satz ohne Komma Ihre Persön­lich­keit beschreiben müssten, was sagen Sie?“ führt eigent­lich immer zu den glei­chen Antworten. ITler sagen *immer* „ Ich bin sehr analy­tisch“. Dann sage ich: „Das sagen 100% Ihrer Kollegen auch.“ 

Ab dann wird es ernst; ich kann bohren und dann finde ich was. Auch immer, denn dabei helfen situa­ti­ons­be­zo­gene Fragen, die übri­gens auch weitaus effek­tiver sind als die nach den Schwä­chen. Aber man braucht seine Zeit, um etwas „Echtes“ raus­zu­kit­zeln. Man muss Antworten auch einordnen können. Man braucht Erfah­rung. Um sich nach Schwä­chen zu erkun­digen, braucht man die nicht.

Auch der Bewerber braucht Erfah­rung. Mit sich selbst. Er kann sich nicht erst im Vorstel­lungs­ge­spräch finden. Deshalb finde ich, ist die Ausein­an­der­set­zung mit der eigenen Persön­lich­keit die beste Vorbe­rei­tung auf Vorstel­lungs­ge­spräche. Und über­haupt, das ganze Leben.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

2 Kommen­tare

  1. wirken­nenuns 1. November 2011 at 11:19 — Reply

    Hallo Svenja,

    ich fand diesen Post wirk­lich sehr span­nend und hilf­reich!

    Ich halte nichts vom Verin­ner­li­chen dieser typi­schen Fragen samt Vorbe­rei­tung der Antworten für ein Inter­view. Infor­ma­tionen über den poten­zi­ellen Arbeit­geber ok und selb­st­­ver­­­stän­d­­lich- ansonsten “nice to know”. Ich sehe Authen­ti­zität für mich als wesent­li­ches Merkmal — und wie kann ich das, wenn mich mit sämt­li­chen, typi­schen Fragen bereits ausein­ander gesetzt und wohl­mög­lich etwas zurecht gelegt habe?!
    Ich vergleiche das immer ein wenig mit Promis, deren Profiler hart daran arbeiten, ihnen ein “Gesicht”, Marke, für den öffent­li­chen Auftritt zu schaffen. Das gilt es strin­gend
    durch­zu­ziehen — auch wenn sie real gar nicht dem Typus
    entspre­chen. Was aus manchen wird — ist wohl eben­falls allseits bekannt…

    Dennoch: als ich vor nicht allzu langer Zeit selbst im sehr kurz­fristig ange­setzten Inter­view saß, folgte bei mir auf die Frage der Schwäche eben­falls: Geduld. Mein Vis-a-Vis klärte mich direkt darüber auf, dass dies wohl alle kund tun würden — was mir in diesem Moment nicht bewusst war.

    Zur Geduld brachte mich aber weniger eine Vorbe­rei­tung oder Phan­ta­sie­lo­sig­keit, sondern viel­mehr war es der Header, der für alles, was mir in diesem Moment durch den Kopf schoss, wie z. B. Ausbil­dungs­zeiten verkürzen (lieber ein nahes Ende und ein wenig “Dampf” geben) und so einiges mehr, was das Leben begleitet.…
    Die Inter­pre­ta­tion fand dann aber kein Gehör mehr. Gut, dass Inter­view hatte keinen nega­tiven Ausgang.

    Liebe Grüße und weiterhin viel Erfolg!

    wirken­nenuns 😉

  2. […] stärken solle – und Schwä­chen am besten igno­rieren. Vor einigen Tagen habe ich ins Feld, äh in den Blog geworfen, dass ich das nicht so sehe. Daraufhin bekam ich eine Mail von einem geschätzten […]

Leave A Comment