Kate­go­rien

Agilität — oder Führung ohne Führung

Published On: 19. September 2012Cate­go­ries: Führung

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Vor der Nummer 1 auf der Liste zur Zukunft der Arbeit hatte ich bis heute etwas Respekt. Da steht nämlich Agilität. Das ist ein schwie­riger Begriff. Und sofort erin­nert er mich an die Hunde des Nach­barns; das sind spring­lustig drein­bli­ckende Tiere einer mir unbe­kannten Rasse (aber ich guck auch nicht so genau hin, wenn ich vorbei­jogge). Auf dem weißen Kasten­wagen, mit dem die Beißer­chen von den Hunde­el­tern spazieren gefahren werden steht neben sprin­genden Hunden: Agility. Das ist eine Hunde­sportart, weiß Wiki­pedia, und hat auf den ersten Blick wenig mit der Agilität zu tun, die in Sachen Future of work gemeint ist. Aber ich hoffe, dass diesen Beitrag ein paar Leute mehr lesen, wenn ich ihn mit einer Viecherei einleite. Ja, meine Logfiles verraten es: ihr lest immer lieber “Tier­ge­schichten” als das etwas abstrak­tere Zeugs. Verstehe ich; ich gebe mir also Mühe meine Erklä­rung der Agilität verdau­lich zu präsen­tieren.

50 Begriffe Zukunft der Arbeit

Was ist bitte agil?

Viel­leicht sind die Hunde des Nach­barns agil, im Sinn von flink und beweg­lich. Ich hoffe für meine Waden – eher nicht. Ein Rentner kann agil sein oder…. Soft­ware­ent­wick­lung und Manage­ment im Entwick­lungs­um­feld. Dort gibt es 1. agile Entwick­lung, 2. agile Teams und 3. agiles Manage­ment, auch Web 3.0‑Management. Alle drei sind beweg­lich, passen sich situativ an und orga­ni­sieren sich selbst. Der Entwickler ist auch sein eigener Manager; Hier­ar­chieren sind NoGo.

Selbst verant­wort­lich

Kürz­lich unter­hielt ich mit jemandem aus der Soft­ware­ent­wick­lung, der die Zukunft der Arbeit schon heute denkt und lebt. „Ich bin selbst verant­wort­lich für meine fach­liche und persön­liche Weiter­ent­wick­lung, dafür brauche ich doch keinen Arbeit­geber“, sagt so jemand — und wow, was für ein Satz, denke ich, wie aus der noch nicht geschrie­benen Bibel der “Neuen Arbeit”. Ein wunderbar „empowerter“ Mensch (um noch etwas Deng­lisch zu nutzen ;-)), auf Deutsch: inter­es­siert, lern­be­gierig, selbst­or­ga­ni­siert, fähig sich selbst in der Balance zu halten, unab­hängig im Geist. Es fällt mir leicht, sich so jemand in agilen Projekten vorzu­stellen, diese Menschen über­nehmen Verant­wor­tung und man kann sich auf sie verlassen. Es braucht niemanden, der sie kontrol­liert, nur jemand, der ab und zu sagt: gut gemacht und jetzt geht es da lang — so grob die Rich­tung. Und ein bißchen Vision Making ist ja kein Acht-Stunden-Tag, sagen vor allem die, die mit Fach­wissen arbeiten gern und leicht despek­tier­lich. Gelebte Agilität muss, kann, sollte also zu einem Abbau von Führung führen, ein nicht zu unter­schät­zender Inter­es­sen­kon­flikt in Unter­nehmen. Ich habe schon von IT- und Entwick­lungs­lei­tern gehört, die so tun mussten als würden sie arbeiten, weil sie eigent­lich nicht mehr viel zu schaffen hatten mit ihren agilen Teams und das Vision Making auch nicht beherrschten. Je profes­sio­neller die Teams sind, desto weniger Kontrolle brau­chen sie. Deshalb besteht an wach­sender Profes­sio­na­lität nicht überall ein allzu großes Inter­esse. Papa will ja auch nicht, dass seine Kinder ihn gar nicht mehr fragen…;-)

Woher kommt der Trend zu Agilität?

Agiles Gedan­kengut wurde erst­mals im agilen Mani­festo fest­ge­halten, das war 2001. In dem Mani­fest steht ein Satz drin, der sich in meinem Slow-Grow-Prinzip spie­gelt:

  • Reagieren auf Verän­de­rung mehr als das Befolgen eines Plans.

Oder auch:

  • In regel­mä­ßigen Abständen reflek­tiert das Team, wie es effek­tiver werden kann und passt sein Verhalten entspre­chend an.

Ich versuchte das in Einklang  zu bringen mit meinen Gesprä­chen mit Führungs­experten und frage mich, ob es Schnitt­stellen gibt. Viele sagen z.B., man müsse als Führungs­kraft Menschen eine Vision vorgeben, Vorbild sein.

Ich frage einen “Agilen”, ob er das auch für nötig halte. „Wieso? Die Vision hat doch schon das Team.“  Da war ehrli­ches Unver­ständnis.  Nächste Frage.

Führungs­experten sagen durch die Bank, ein Manager brauche keinerlei Fach­wissen — wie sehen Sie das? Antwort: „Dann braucht man sie nicht.“

Könnte was dran sein. Die Manage­ment­gurus bewegen sich gern auf Top-Manager-Niveau und haben sich bisher noch nicht so recht mit der Führung (zur Selbst­or­ga­ni­sa­tion?) von Wissens­ar­bei­tern des Typ Intra­pre­neur beschäf­tigt. Die brau­chen auf keinen Fall ein Mittel­ma­nage­ment, das Budgets abzeichnet. Besten­falls eine agile Schnitt­stelle, die wie die Hunde hoch springen kann.… Zum Top-Mana­ge­­ment.

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Gilbert 19. September 2012 at 13:34 — Reply

    Danke für den Beitrag. Bei agilen Teams läuft das Manage­ment am Ende darauf hinaus, den Pfad frei zu halten, darauf zu achten, dass niemand von außen Steine in den Weg legt und dass vernünftig rein- und raus­kom­mu­ni­ziert wird. Ich würde mir wünschen, dass dieses Ideal­bild von Team­ar­beit um sich greift. Weiß aber noch nicht, ob es so auf alle Wirt­schafts­be­reiche über­tragbar ist. Ist es nicht auch eine Frage der (Soft­s­kill-) Reife der Teams?

  2. Svenja Hofert 19. September 2012 at 21:38 — Reply

    Frage ich mich auch. Die Niveaus der Menschen sind sehr, sehr unter­schied­lich. Und das hat nix mit deren Herkunft, mit IQ und Track Record zu tun, sondern ja, genau, mit Soft Skills. Hörte neuliche vom Chaos in einer von einem McKinsey Manager geführten Unter­neh­mung, wo alle laufen gehen… Es werden einfach komi­sche Typen beför­dert, nach komi­schen Krite­rien, mit komi­schen Motiven. Gerade was von Spitzner über die enge Verbin­dung von Glück und Lernen gelesen. IT-Leute, die guten jeden­falls, lernen mehr. Die müssen sich weiter­ent­wi­ckeln und das merkt man einfach sehr oft. Es ist oft auch eine natür­liche Bereit­schaft da, sich weiter zu entwi­ckeln und selbst zu reflek­tieren. Das Inter­esse vieler ITler reicht weit über den Teller­rand. Und so entwi­ckeln sich Soft Skills und dann kann man dann auch agil arbeiten… LG SH

  3. […] Absol­venta Blog: Jung, kreativ, arbeitslos – Benetton sucht „Unem­ployee of the Year” Absol­venta Blog: Arbeiten auf dem Land: Vom Arbeits­platz im Grünen Svenja Hofert: Agilität – oder Führung ohne Führung […]

  4. Thomas Wachler-Thomsen 24. September 2012 at 22:30 — Reply

    Zur Frage: Woher kommt der Trend zu Agilität (..in der IT): es ist eine typi­sche Zeit­er­schei­nung; die von einem Auftrag­geber gesetzten Termine sind “sport­lich” eng, da bleibt keine Zeit für aufwendig formu­lierte Konzepte — sofern über­haupt die Fähig­keit für die Erstel­lung derar­tiger Konzepte noch im Team vorhanden ist. Man fängt einfach an und nähert sich iterativ einem — nicht unbe­dingt sofort bekannten — Ziel an. Kurze Zyklen, um regel­mäßig das bishe­rige Ergebnis zu reflek­tieren. Das braucht erfah­rene, selbst verant­wort­liche Teams. Führungs­kräfte sind froh, wenn sie sich nicht mit “lästigen” Details beschäf­tigen müssen. Eigent­lich wird keine Führungs­kraft benö­tigt solange jemand da ist, der beur­teilen kann, wie genau man sich dem Ziel bereits genä­hert hat, also sprich: der Ahnung von der Sache hat.
    Ok, manchmal sind Führungs­kräfte gefor­dert, wenn es Konflikte mit den Prio­ri­täten gibt, also mit der Reihen­folge der zu erle­di­genden Teil­pro­jekte. Dann werden Eska­la­ti­ons­mee­tings einbe­rufen und es wird eine “Top-Ten”-Liste erstellt. Auf dieser Liste stehen dann alle Punkte mit der Prio­rität 1A — wie auf der Liste zuvor. Diese Liste geht zurück an die Teams mit der Auffor­de­rung, diese Prio­ri­täten zu beachten.
    Wichtig ist nur, dass am verein­barten Termin “etwas” abge­lie­fert wird. Was sich als noch fehlend heraus­stellt wird mit einem “der nächsten Release” nach­ge­lie­fert — der Agilität sei Dank.

  5. […] und sozialer Inter­ak­tion, um zum „gewohnten“ Output zu gelangen. Denken Sie nur an das Thema Agile Führung … Für die Büroarbeit(er) und Büro-Kommu­­ni­­ka­­tion bedeutet dies, sich vom […]

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