Kate­go­rien

Der kommt sowieso nicht in Frage! Wenn Bewerber aus kultu­rellen Gründen aussor­tiert werden

Published On: 11. August 2012Cate­go­ries: Karriere, Mensch & Orga­ni­sa­tion

“Die Unter­neh­mens­kultur ist wie ein Eisberg – das Wich­tigste an ihr ist unsichtbar und unbe­herrschbar.” (Edgar Schein, Erfinder des Karrie­re­an­kers).

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Diese Woche sprach ich einen perso­nal­ver­ant­wort­li­chen Manager. „Wir merken den Fach­kräf­te­mangel, unglaub­lich, selbst im Marke­ting. Es gibt immer weniger vernünf­tige Bewerber. Naja, die die sowieso nicht in Frage kommen, rechne ich jetzt mal raus. Sie wissen schon, welche ich meine.“

Ich wusste, welche er meint. Doch wissen Bewerber auch, dass sie ein No Go sind und zu denen gehören, die sowieso nicht in Frage kommen? Nicht aufgrund der Quali­fi­ka­tion, sondern aufgrund von Gründen, über die keiner offen spricht.

Viele Unter­nehmen haben perso­nelle Mono­kul­turen gebildet: alle sind ähnliche Typen, bewegen sich in ähnli­chen Kreisen, sind ähnlich sozia­li­siert. Das liegt daran, dass es neben der ausge­schrie­benen Stel­len­an­zeige eine Art infor­mellen Einstel­lungs­kodex gibt. Den Offen­zu­legen wäre ein Tabu­bruch und zudem gegen das Allge­meine Gleich­stel­lungs­ge­setz.

  • „Wer hier arbeitet, sieht gut aus und ist gut gekleidet.“
  • „Jemand aus einfa­chen Verhält­nissen passt hier nicht rein.“ (und umge­kehrt “jemand mit Doktor­titel geht gar nicht”)
  • „Bei uns arbeiten Leute, die das Arbeiten gewöhnt sind und sich aufop­fern.“
  • “Wir haben Hands-On-Personal, keine Laber­typen von der Uni.”
  • “Unsere Kunden sind Akade­miker, die wollen mit Deut­schen spre­chen. Ein Mohammed geht da nicht.”

Solche allem anderen über­ge­ord­nete Einstel­lungen sind eine Falle für Bewerber, die ein Unter­nehmen nicht kennen. Sie glauben, sie würden aufgrund der Quali­fi­ka­tion aussor­tiert. Doch das ist gar nicht der Fall.

Auf über­ge­ord­neten Einstel­lungen gedeihen Vorstel­lungen, die jemand als NoGo klas­si­fi­zieren. Graue lange Zottel­haare, Halb­glatze und die „TAZ“ im Blick — stellen Sie sich so jemand im Real Estate-Bereich vor. So ein “Aussehen” billigt man allen­falls einem Lehrer zu.

Aber es ist nicht nur Optik, die Vorstel­lungen erzeugt, die von den perso­nellen Mono­kul­turen abge­lehnt werden. Auch die Art in Kontakt zu treten, kann einen zum NoGo machen, weil man eine Grenze über­schreitet, die viel­leicht aber nur hier gilt. Ich erin­nere mich an einen  jungen Mann, der in der Kantine auf seinen Wunsch-Chef zuging und einen Elevator Pitch vom Stapel ließ. Das geschah in einer konser­va­tiven Kultur, in der diese Vorge­hens­weise als unpas­send rüberkam. Woan­ders wäre es cool gewesen.

Es gibt auch einen Typ Mensch, der überall ein NoGo ist. Jeder weiß, warum, aber beschreiben kann man es nicht. Es ist das schwarze-Schaf-Phänomen. Manch einer kommt zufällig in diese Rolle, manchmal immer wieder. Bisweilen ist die Ursache eine voll­kommen fehlende Selbst­ein­schät­zung bei dieser Person oder ein Verhal­tens­muster.

Es gibt auch NoGos, die sich aus der Zuge­hö­rig­keit  zu Subkul­turen ergeben. Stellen sich mal vor, jemand ist seit 10 Jahren ehren­amt­lich im Andrea-Berg-Fanclub enga­giert und bewirbt sich mit Hinweis darauf auf eine Stelle in einem Think Tank. Ja… Ich denke, Sie wissen, was ich meine.

Die Grenzen von Go zu NoGo sind flie­ßend, man sieht sie nicht. Man kann sie aber fühlen, sie sind überall etwas anders: regional, bran­chen­spe­zi­fisch, abtei­lungs­spe­zi­fisch, aufga­ben­spe­zi­fisch, unter­neh­mens­spe­zi­fisch. Und dann unter­liegen sie mit Sicher­heit auch Trends. Nicht zu jeder Zeit ist alles No oder Go.

Ich erin­nere mich an ein Vorstel­lungs­ge­spräch bei einem welt­weiten Compu­ter­kon­zern, es muss 15 Jahre her sein. Der Perso­naler, ein Psycho­loge, fragte mich, für was ich mich privat enga­giere. Tatsäch­lich war ich damals zeit­weise Mitglied in einem grünen Verband, was ich auch sagte. Nach dem Gespräch hauchte er mir kaum hörbar in den Nacken „Gutmen­schen brau­chen wir hier nicht.“ Er wollte, dass ich es höre, aber er wollte es nur genau so laut sagen, dass ich Zweifel haben müsste, ob ich richtig gehört hätte. Ich war damals noch nicht abge­klärt genug, um mich umzu­drehen und ihm einen Spruch um die Ohren zu hauen.

Hier war ich ein No-Go, weil das Unter­nehmen niemand wollte, der über den Teller­rand denkt. Dies Verhalten war very Nien­ties: Keine Inter­essen jenseits der Karriere, bloß nicht sozial oder sowas sein.

Die zuneh­mende Knapp­heit der Ressource Fach­kraft könnte die in diesem Beitrag beschrie­benen perso­nellen Mono­kul­turen mit ihren Grenzen aufwei­chen – das kann nur gesund sein.

PS: Wenn Sie jetzt fragen, was kann ich dagegen tun? Nichts! Entweder Sie passen oder nicht. Deshalb ist das beste, was man tun kann, bei sich selbst zu bleiben.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Claudia Hümpel 12. August 2012 at 9:45 — Reply

    Liebe Frau Hofert, genau deshalb rate ich meinen Bwwer­bern immer, beim Vorstel­lungs­ge­spräch auch darauf zu achten, ob aus ihrer Sicht die Chemie stimmt und sie ein gutes Bauch­ge­fühl dort im Unter­nehmen haben. Seriöse und gute Perso­nal­be­rater (die zwar im Auftrag des Unter­neh­mens tätig sind, sich aber oft doch auf der Seite der Bewerber befinden) spre­chen das von Ihnen beschrie­bene Phänomen offen an und geben nicht nur ein Feed­back zur Quali­fi­ka­tion sondern auch dazu, ob die Bewerber von ihrer Persön­lich­keit ins Unter­nehmen bzw. ins Team passen.
    Herz­liche Grüße
    Claudia Hümpel

    • Svenja Hofert 13. August 2012 at 17:20 — Reply

      ja, das ist die Chance der Perso­nal­be­rater. Ich sage Bewer­bern auch immer, dass Sie mit Bera­tern, wenn es keine großenn Orga­ni­sa­tionen sind (viele Youngster, wenig Ahnung, hohe Fluk­tua­tion), gut und offen reden kann. Manche Head­hunter sind auch vom Auftrag­geber nicht richtig gebrieft. Und dann haben sie die Michael Pages dieser Welt, die komi­sche Gespräche führen, aber nicht wirk­lich beraten können. LG Svenja Hofert

  2. Stefan 22. August 2012 at 9:54 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofert,
    es ist sehr inter­es­sant, dass Sie die sog. perso­nellen Mono­kul­turen anspre­chen. Nachdem ich mein Studium beendet hatte, um mich dann bei den verschie­densten Unter­nehmen (vom kleinen Mittel­ständler bis zum Konzern) zu bewerben, hatte ich genau den Eindurck, den sie hier beschreiben. Ich ging selbst­be­wusst in die ersten Gespräche und plau­derte entgegen jedem Fach­buch für Vorstel­lungs­ge­spräche selbst­be­wusst drauf los. Die ersten Absagen hatten mich zunächst sehr verun­si­chert. Im Nach­hinein muss ich sagen, dass ich es mir bei der Jobfin­dung mit Sicher­heit hätte einfa­cher machen können. ABER: Wollte oder will ich das? Muss ein Unter­nehmen nicht auch zu meinem Charakter passen? Das muss Jeder für sich selbst entscheiden.

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